Donnerstag, 27. Mai 2010

Neue WGT-Linie: Die wunderliche Reise mit der Linie 31

Müde versunken wiegen Schwarzröcke in der Nacht zum Samstag im steten Takt der schaukelnden Tatra-Bimmel. Die Linie 31 verbindet das agra-gelände mit der Innenstadt, indem sie von der Karl-Liebknecht-Straße Richtung Tabaksmühle abbiegt und dann zu den Tierkliniken einschwenkt. So dass alle auseinander liegenden Locations miteinander verbunden werden und keiner laufen muss.

Ab diesem Jahr wird die Straßenbahnlinie 11 zum WGT durch die Sonderlinie 31 verstärkt. Diese verkehrt zwischen Hauptbahnhof und Straßenbahnhof Dölitz über Augustusplatz zum Wilhelm-Leuschner-Platz, weiter zur Haltestelle Bayrischer Bahnhof und dann bis zur Haltestelle "An den Tierkliniken". Anschließend verkehrt die Straßenbahn über Zwickauer Straße, Richard-Lehmann-Straße und Karl-Liebknecht-Straße zur Haltestelle Connewitz, Kreuz und dann weiter zum Straßenbahnhof Dölitz. Was auf der neuen Strecke so passieren kann, weiß keiner so richtig. Erzählen sich später vielleicht Fahrgäste von der wundersamen nächtlichen Reise mit der Linie 31. Denn offenbar scheint nicht jedem bekannt zu sein, wohin die neue WGT - Bimmel führt. Und offensichtlich gibt es hier auch etwas zu erleben.

"Fährt die Straßenbahn über den Augustusplatz?", fragt eine junge Frau einen schwarz gekleideten Fahrgast mit Kapuzenjacke und Schlips. Sie schwenkt eine Lache Bier in der von ihrer Faust aufgewärmten Flasche. "Sicher. Alle Wege führen in die City." entgegnet müde der Fahrgast und nestelt nervös sein Festivalbändchen. Sie scheint seiner Antwort zu vertrauen. Wenig später steigt die Dame mit ihrer Freundin in den hinteren Waggon, weil dort noch Sitzplätze frei sind. 

Eine Haltestelle später steigt ein Punk mit seiner Liebsten ein. Sichtlich unsicher schwankt er auf dem wackelnden Boden. Bierfahne. "Fahrkartenkontrolle!", ruft er in den halb gefüllten Wagen, lacht und schiebt sich an einen Einzelgänger in der hinteren Wagennische an. "Du bist wohl der Eckenwart hier, hää?", fragt er lallend grinsend er zu dem jungen Mann. "Sozusagen.", murmelt er unsicher ins Leere. "Hey!!!", ruft der Punk mit dem roten Irokesenschnitt in die Bimmel, "Wo sind eure Fahrausweise. Ihr seid wohl alle Schwarzfahrer?", kichert er über seinen schrägen Witz. Ihn schauen zwanzig Augenpaare an. "Guck mal die, dieser Wabbel da vorne mit den Netzstrumpfhosen.", rempelt er den in der Nische stehenden Schlipsträger an. "Sieht das zum speien aus." Der Getroffene ist sichtlich unwohl mit seinem neuen Nachbar an seiner Seite. "Wem es gefällt", antwortet einsilbig der Genervte. "Hey, was nimmst Du denn für Drogen?", fragt ungeduldig der bunte Mann in der zerschlissenen Jeans. Seine Zähne blitzen braungelb und stumpf glänzend aus dem feixenden Gesicht. Der unfreiwillige Gesprächspartner sagt: "Keine." 

Staunen beim Gegenüber. "Aber wenigsten Alk ohne Ende. Schalalala!" - "Nö." Es herrscht kurze Zeit Stille in der Wagenecke. "Ahhh, verstehe. Aber nächste Woche auf der Wiese rumliegen. Gesicht in der Sonne. Hahahaha." Dann wendet sich der Punk torkelnd anderen Gesprächspartnern zu. "Wohin gehts?" - "Wissen wir nicht. Mal sehen, wohin uns die Bahn trägt." - "Hmm. Ihr wisst nicht, was ihr macht hier?", fragt der langsam aufwachende Mann mit der bunten Frisur. "Komm", sagt er zu seiner Freundin, "ich habe genug von der Bande. Haun wir ab!", drückt den Türknopf und steigt wankend aus.

Inzwischen steigen auch Schwarzkittel aus, nachdem die ruckende Bimmel quietschend von der "Karli" abgebogen war. Wahrscheinlich vertrauen sie der Linie 31 nicht so ganz und wollen auf der ihnen vertrauten Strecke bleiben. Kein Wunder, werden sie auch in der Bahn nicht auf die neue Streckenführung hingewiesen. Nur die Haltestellenanzeige blinkt auf. Kein Plakat oder Zettel, auch kein Plan wird in der Tram den meist ausländischen Gästen angeboten. Abseits der normalen Streckenführung fühlen sie die "Gruftis" dann auch teils hilflos, teils amüsiert den Widrigkeiten der nächtlichen Fahrt ausgeliefert.

In der nächsten Haltestelle kurz vor den Tierkliniken steigen drei junge Männer mit mehreren Basecaps auf den Köpfen zu. "Ya Man! Ya Man!", rufen sie in die Bahn, den schwarzen Haufen ignorierend. Sie turnen am Gestänge herum, haben ihren Gleichgewichtssinn nicht in Beherrschung, torkeln absichtlich unabsichtlich gegen stehende Schwarzkittel. "Gotenschubsen", nennen sie das. Die Fahrgäste beobachten die seltsame Szene. Die drei Männer springen zum Klappfenster. "Sieh mal, wer das Feuer dort wohl nur gelegt hat?", lallt der eine. Sie lachen und nicken sich wissend zu. Sie freuen sich über das flackernde Feuerchen auf dem schmalen Grünstreifen in der Nähe der Alten Messe. "Ya Man! Ya Man! Ya Man!" Wie kleine Äffchen hangeln sich die Typen am grauen Gestänge entlang. Der eine macht Anstalten, etwas aus seiner Tasche zu holen. Der grüne Filzschreiber wird unsicher über die Innenwände und Scheiben geführt. Krikelkrakel, das wie Schriftzüge erinnert. 

Nun steigt der eine Kompagnon plötzlich aus. Aufmerksame Beobachter sehen ihn jetzt an der Haltestelle mit einem Prinzesschen in schwarzen Rüschen aufgeregt reden. Seine beiden Kumpel scheinen das nicht mitzukriegen. Einer stellt sich auf dem Boden liegend tot. Er grinst dabei. Scheinbar findet er das lustig. Sein Kumpan versucht ihn aufzuhelfen. "Komm schon, Sebastian ist weg." - "Was?". Anscheinend wieder nüchtern geworden erhebt sich der Basecap-Träger unsicher. Beide reißen die Türe auf: "Hey, Ya Man! Hallo Ya Man!!", rufen beide. "Steig wieder ein!" Sebastian macht keine Anstalten einzusteigen, er flirtet mit dem Mädchen. "Wo is`n der Stift? Hast Du einen Stift einstecken?", fragt der junge Mann den Fahrgast in der Ecke. "Nein, ich habe keinen dabei." antwortet dieser während ihm ein Kugelschreiber am orangefarbenen Band am Hals hin und her baumelt, das ihn offenbar als einen Vertreter der schreibenden Zunft ausweist. "'Ne Zigarette?" - "Ich rauche nicht, Sorry.", grinst der Angesprochene zurück. Am Bayrischen Platz reißen beide die Türen auf. Die Haltestelle ist noch nicht erreicht. "Ya Man! Ya Man" schallt es in die Nacht.

In Leipzig muss sich niemand verfransen. Hilfreich ist wohl, dass die LVB separat zum Treffen mit Flyern auf die neue Linienführung zum WGT hinweist. Oder mit der Treffenleitung vereinbart, einen extra für das Treffen herausgegebenen Fahrplan mit den eingezeichneten Streckenführungen an die Besucher herausgibt. Service kann man manchmal so einfach ein.

Mittwoch, 24. Februar 2010

Germanische Mythen und Metal: Black Sabbath - "Tyr"

Zähfließende Riffs, Lava-Klänge, pulsierend schleppender Bass. Die finstere Mischung aus Blues, schrubbenden Akkorden und klagender Gesang hat die Rockzene belebt. Fortan war Heavy Metal Bestandteil der Musik. Seit Black Sabbath und den Beginn der Siebziger. Flower Power ist nicht mehr.

Wilkommen in der Realität. Mit Ozzy hatte Black Sabbath einen Texter, der sich mit Umweltzerstörung, mit sich selbst und Kriegen beschäftigte. Doch nach dem Bruch mit dem charismatischen Sänger während der "Never Say Die"-Tour 1978 orientierte sich Black Sabbath neu um. 

Willkommen in den Achtzigern. Das hieß kommerzieller Hardrock, Mythen, Hexen und Teufel. Und Ronnie James Dio. Nur für zwei Alben lang. Gitarrist suchte nach dem Weggang von Dio neue Lösungen. Fand Ian Gillan von Deep Purple. "Born Again" war nichts. So musste Tony Martin ran. Bislang unbekannt, sang der Falsett-Sänger Alben wie "Eternol Idol", "Headless Cross", "Cross Purposes" und "Forbidden" ein. Und eben die germanische Mythen-Saga "Tyr". 

Das war 1990, mitten im Umbruch der Metalszene. Death Metal kam auf. Thrash Metal starb langsam ab. Es blubberten bunte Metalbands auf, die Jane's Addiction, Faith No More und Red Hot Chili Peppers heißen. Und irgendwie doch nicht Metal waren. Mitten drin im durcheinander gewürfelten Musikgelage, stellt sich "Tyr" breitbeinig hin und sagt: "Ich höre mich zwar nach schnödem Achtziger Hardrock an, schnulze mich mit 'Feels Good To Me' in die Hard Rock-Charts, habe einen ziemlich guten Sänger am Start, doch habe ich den Anspruch eine Art Konzept drumherum zu weben. Nämlich Walhalla aufzuleben, und die Kreuzzüge. denn Irgendwie waren ja die christianisierten Franken auch noch germanisch. Kriegerisch eben. Viele haben auch geschrieben, dass sogar die Gotik als Bau- und Kunststil irgendwie germanisch ist, die Kathedralen alten Thing-Plätzen nachempfunden waren. Warum soll ich nicht ein antiquiert klingendes Album darüber schreiben? Das Thema wurde bis jetzt fast gar nicht behandelt. Also erheben wir den Anspruch, die ersten zu sein. Auch wenn wir alles durcheinander werfen. All diese Pagan-Metal-Jungs bereiten im Prinzip unser Thema auf, nur mit schlechteren Texten und schlechterer Musik. Nicht solche erhabenen Kompositionen, wo Tonis Gitarre immer noch so brettert, wie zu 'Paranoid' und die Trommeln ordentlich rumpeln. Eben  wegen den leider bereits verstorbenen Cozy Powell, dem wahren 'Thor an den Trommeln'. Der andere von der Suppenkasper-Gruppe Manowar hat sowieso nichts drauf."

Sprachs und zieht hitverdächtige Granaten wie "Heaven In Black", "The Sabbath Stones", "Jerusalem" und "Feels Good To Me" aus der ledernen Tasche. Black Sabbath haben in den Achtzigern und neunzigern ihr von Ozzy geprägtes Stimmungsbild verloren, doch die Kompositionen sind gerade auf "Tyr" ausgereift und ohne Schnörkel auf den Punkt gebracht. Eigentlich ist Black Sabbath hier eine komplett andere Band, die mit "Tyr" eine beachtliche Aufwärtskurve in ihre gebrochene Geschichte vorweisen kann. Und Black Sabbath behandeln ein Thema völlig ohne Pathos und Verklärung. Hier erzählt Sänger Tony Martin viele kleine Geschichten um die Christianisierung und Kreuzzüge im Mittelalter. Ein wenig klingen die germanisch-heidnischen Wurzeln der Geschichten an. Doch hier wird keine Hasstirade auf jetzt lebende Priester abgelassen, oder Sauflieder feil geboten.

Erschienen: August 1990

Spielzeit: 39:58

Tracklist:

1. Anno Mundi
2. The Law Maker
3. Jerusalem
4. The Sabbath Stones
5. The Battle Of Tyr
6. Odin's Court
7. Valhalla
8. Feels Good To Me
9. Heaven In Black

Weitere Infos:

Samstag, 6. Februar 2010

Jazz ganz anders: "The Great Misdirect" von Between The Buried and Me erhellt den Geist

Es ist am Anfang der große Überblick. das Gefühl, die Sonne steht orangefarben scheinend über den Horizont. Ein Bass blubbert jazzig aus der Ferne, eine Gitarre seufzt, Gesang trägt elegisch eine Ballade vor. Dann schlagartiger Szenenwechsel im Sekundentakt, gewittrige Wolken ziehen über die Idylle auf. Die amerikanische Mathcore-Band Between The Buried And Me definieren mit ihrem 2009 erschienenem Album "The Great Misdirect" Musik als ewigen fließenden Klangstrom.

Einstieg auf Platz 36 in den US-Charts bei einer so extrem vielfältigen und eigentlichen Chart untauglichen Musik, weltweit sich vor Lobpreisungen überschlagende Reviews, .... Pink Floyd des Metal und Hardcore Punk. Die Musikanten um Sänger Tommy Rogers spulen kein übliches Metalprogramm ab. Hier gibt es keine Schlager-Peinlichkeiten a la Manowar & Co. Hier schreddern auch keine Hänflinge entblödete Riffs und kucken böse in der Gegend herum. Mit den Gitarristen Paul Waggoner, Dustie Waring, dem Bassisten Dan Briggs und Schlagwerker Blake Richardson hat sich Sänger Tommy Rogers Leute ins Boot geholt, die von Fach sind. Die Rhythmussektion lässt sich von Jazz, Progressive Rock, Metal und Blues gleichermaßen beeinflussen. Rogers pendelt zwischen brutalen Hardcore-Shouts und hohem Falsett, erzählt stimmungsvolle Geschichten. Das instrumentale Fundament schillert in allen Farben, Stimmungsmeere von Skalen und wilden Taktfolgen stürmen auf den Hörer ein. Dann schlagartige Ruhe. Fließende Übergänge, die Songs verlieren ihren individuellen Charakter. Keine Hits. Nur das Aufblitzen von unglaublich dicht erzählten und gestrickten Momenten der befreienden Klarheit, dann des stickigem Dickichts aus Angst und Wut.

Das fünfte Studioalbum von Between The Buried And Me ist keine Veröffentlichung, die sich einem sofort erschließt. Für die mitunter zehnminütigen Erzählungen der sechs Titel braucht man Zeit. Vergleiche mit dem Vorgängeralbum "Colors" tun sich auf. Wo "Colors" auf dem ersten Blick mutiger, krasser und vielleicht auch schroffer zu Werke ging, erscheint "The Great Misdirect" flüssiger, weniger dynamisch und ausgereifter. Man hört, dass sich die Musiker entwickelt haben und sich nicht einfach auf herkömmliche Songstrukturen beschränken. Das kann auf der einen Seite für manche erfrischend, erhellend sein. Für andere ist "The Great Misdirect" ein zugangsloses Stück Jazz.

Das Album wurde am 27. Oktober 2009 via Victory Records veröffentlicht.

Spieldauer: 59:34 Minuten

Tracklist:


1."Mirrors"  3:38
2."Obfuscation"  9:15
3."Disease, Injury, Madness"  11:03
4."Fossil Genera - A Feed from Cloud Mountain"  12:11
5."Desert of Song"  5:34
6."Swim to the Moon"  17:54



Mehr Infos unter BTBAM-Myspace

Freitag, 5. Februar 2010

Technoider Pop: Mnemic jonglieren mit Systemen

Poppige Gesangsharmonien verschmelzen mit schwebenden Halleffekten und bassigen Rhythmen zu einer Metalllegierung. Geht nicht? Doch. Nachdem die schwedischen Berufsverrückten von Meshuggah bewiesen hatten, dass Metal keine tragisch geheulte Einheitssoße sein muss, sondern durchdachten Anspruch hat, treten immer mehr Metalbands in die großen Fußstapfen der Ambientmetal-Pioniere.

So auch die dänischen Mnemic. Die 1998 gegründete Band hat mit ihrem am 15. Januar 2010 veröffentlichten Album "Sons Of The System" unterstrichen, dass man Meshuggah zum Vorbild haben kann, aber nicht nicht zwangsläufig nachmachen muss. So rucken und zucken die die fünf Musiker eindrucksvoll durch elf abwechslungsreich gestrickte Titel. Es wechselt sich der über die pumpenden Gitarrenteppiche spannende Gesang Tony Jelenovichs mit brutalen Rhythmen ab. 

Pop trifft auf Metal.  Mnemic verstehen es, trotz vieler eingängiger Harmonien immer noch hart zu klingen. So besitzen die einzelnen Tracks alle ein episches Gewand aus Keyboardklängen, rumpelnden und messerscharfen Gitarrenriffs und schlängelnden Bassläufen.  Vor allem im Stück "March Of The Tripods" klingt Jelenovich mit seiner klaren Stimme besonders melancholisch, sehnsüchtig und eindringlich. Die Instrumentalsektion schafft hier stimmungsvolle Klangräume und untermalt mit futuristisch klingenden Taktgerüsten dramatisierend schillernde Effekte. Alles sitzt passgenau und maßgeschneidert.

"Sons Of The System" stellt jedem Zweifler vor die Wahl. Entweder zu akzeptieren, dass emotionale Eingängigkeit und durchdachter, intelligent gestrickter Metal besser zusammen passen als bisher angenommen. Oder man lässt es bleiben. Fans von Meshuggah, Fear Factory, Hacride und anderen Cyborg-Metallern ist "Sons Of The System" die willkommene Ergänzung. Dann verkürzen sich die Tage und Wochen zum nächsten Auftritt um so schöner.

Mnemic, Sons Of The System, bereits erschienen

Label: Nuclear Blast

Tracklist:


  1. "Sons of the System" - 5:35
  2. "Diesel Uterus" - 4:31
  3. "Mnightmare" - 4:55
  4. "The Erasing" - 4:07
  5. "Climbing Towards Stars" - 4:41
  6. "March of the Tripods" - 6:53
  7. "Fate" - 3:35
  8. "Hero(in)" - 5:15
  9. "Elongated Sporadic Bursts" - 3:51
  10. "Within" - 4:45
  11. "Orbiting" - 4:42
Mehr Infos unter Mnemic Official

Donnerstag, 4. Februar 2010

Pure Beklemmung: The Red Chord lassen Zähne fliegen

Am Beispiel von The Red Chord lässt sich gut demonstrieren, wie sinnlos Kategorisierungen sind. Die einen nennen es Deathcore, die anderen Brutal Death Metal. Eigentlich haben wir es mit den Jungs aus Massachusetts mit detailverliebten  Technik-Freaks zu tun. Sie tun nichts lieber als ihre Zuhörer zu verwirren und auf rasante Achterbahnfahrten in die Abgründe der menschlichen Gedankenwelt zu nehmen.

Man staunt wie Alice im Wunderland, was hier überall zu finden ist. Schleppende Monsterriffs erheben sich über die peitschende Gischt der aberwitzig schnell gespielten Soli. Dann donnert der vertrackte D-Zug in die verzwickten Labyrinthe, eckt und hakt schnell um die Ecke, stoppt jäh und braust von 0 auf 100 in einer Sekunde wieder los. Mit einem beeindruckendem Tempo poltern die Schlagzeugtrommeln den brachialen Takt eines verrückt gewordenen Geisterfahrers, wenn er zu viel Kaffee mit Red Bull getankt und noch eine Dosis Adrenalin genommen hat. Dazwischen stöhnen und grunzen abgrundtief böse klingende Dämenonenstimmen die Endzeit näher. Dazwischen brummt ein verhaltender Bass, dann schwebt ein Solo auf, das eher an Iron Maiden erinnert als an hyperschnell flackernde Kugelblitze. Schwindeliges Leiern wechselt sich mit brüllendem Hämmern in der Schädeldecke ab. 

The Red Chord haben mit "Fed Through The Teeth Machine" ein abermals unerreichtes Album eingespielt. Es trägt den Jazz ebenso in sich wie die Frage, ob hier auf 12 Tönen gerockt wird und das Experiment, wie viel Noten pro Minute ein Mensch verträgt. Das im Oktober 2009 über Metal Blade erschienene Album ist das vierte der vier Musiker um Brad Fickeisen, die inzwischen Knoten in den Fingern haben dürften. In der knappen halben Stunde packen sie soviel Musik, die andere Gruppen wohl in drei Alben verwursten würden. Es ist wie es ist: ein Album für Freaks, Nerds, Loner und Loser. Aber dadurch wird es so besonders. Tanzen kann man dazu nicht, rocken und auch nicht, Sex strahlt es auch nicht aus. Was soll man anderes meinen, als dass "Fed Through The Teeth Machine" der absolute Hirnfick ist. Genau richtig für abgedrehte Doktoranden, Akademiker, Computerverrückte und andere Kaputte. Willkommen im Club.

"Fed Through The Teeth Machine" ist im Oktober 2009 über Metal Blade erschienen.
Spielzeit: 35:22 Minuten

Tracklist:

1."Demoralizer"  2:32
2."Hour of Rats"  2:40
3."Hymns and Crippled Anthems"  2:55
4."Embarrassment Legacy"  3:00
5."Tales of Martyrs and Disappearing Acts"  2:09
6."Floating Through the Vein"  3:15
7."Ingest the Ash"  2:39
8."One Robot to Another"  2:17
9."Mouthful of Precious Stones4:21
10."The Ugliest Truth"  2:42
11."Face Area Solution"  2:01
12."Sleepless Nights in the Compound"  4:51



Mittwoch, 3. Februar 2010

Industrielle Maschine: Fear Factory produzierten "Mechanize"

Fear Factory ist eine Band gewesen, die ich Mitte der Neunziger zusammen mit Machine Head Dank MTV und VIVA um die Ohren geknallt bekam. Erst spät registrierte ich, dass sie ihrer Zeit weit voraus waren. Ihre wuchtige und scharfkantige Mischung aus vorgefertigtem Industrial, kalter Endzeitstimmung und einer hyper-modernen Auslegung von Heavy Metal machte die Band zu Vorreitern.

Dann sah ich sie 1995 in Prag zusammen mit 20.000 Fans im Vorprogramm von Ozzy Osbourne, wo die Band um Sänger Burton C. Bell und Gitarrist Dino Cazares ein beängstigend heftiges Metalfeuerwerk entfachten. Stahlhart und maschinell hämmerten die Bässe gegen die Bier gefüllten Bäuche, die Gitarren sägten sich zermartend ins Hirn, darüber schwebte die klare und klagende Stimme von Sänger Bell.

Lange ist es her, die Band fertigte in ihrer Angstfabrik weitere Alben an. Manche wie "Obsolete" und "Archetype" habe ich registriert. Andere wie "Digimortal" komplett ignoriert. Nun kam mir ihr so genanntes Reunionwerk in die Hörgänge. So genannt deshalb, weil es eigentlich Gitarrist Dino ist, der nach seinem Rauswurf wieder heimkehrte in Burtons Schoß. Dafür flogen der Bassist und der Schlagzeuger raus. Die wurden ersetzt. Klar. 

Insofern sind auf "Mechanize" zwei Männer vereint, die wohl Fear Factory am stärksten geprägt hatten. Mit Schlagwerk-Kraken Gene Hoglan einen kongenialen Trommelpartner gefunden, der wirklich alles spielen kann. Über die Rolle des Bassisten muss man nicht reden. Aber was haben die vier Herren nun fabriziert?

"Mechanize" besteht aus zehn präzise gefertigten Stahlkuben, die im Ganzen gesehen etwas schroff wirken. Doch nähert man seinen analytischen Blick, bemerkt man die wichtigen Details. Die Gitarrenarbeit von Dino haucht trotz seiner Uhrwerk-artigen Präzision allen Songs Leben und Wucht ein. Kleine liebevoll eingestreute Harmonien, Soli bereichern die Songs, verhelfen ihnen zu einer höheren Dichte. Burton C. Bells Brüllen und mit Hall unterlegte Klarstimme ummanteln die stakkatoartigen Tracks zu einer feinen Legierung, die beispielsweise einem wütend los preschenden "Powershifter" Glanz verleihen. Kurze atmosphärische Verschnaufpausen machen den im Schnelltempo rasenden Donnerzug noch brachialer.

"Christploitation" bricht sich mit einem bizarr gespielten Klaviertakt, zerhackten Rhythmen und düsteren Keyboardflächen Bahn. Hitpotenzial, weil hier auf zusammenhängende Harmonien und Eingängigkeit geachtet wird. Und so sind alle Songs auf "Mechanize" durchformt. Im massiven Mantel, der kolossalen Körperlichkeit jedes seiner zehn Gebote besticht "Mechanize" von einem überbordendem Abwechslungsreichtum, der jedem Zweifler klar macht: Fear Factory sind zurück, besser und stärker denn je. Das Ambientstück am Ende des Albums lässt das Gefühl aufkommen, das Album in Gänze noch einmal hören zu wollen.

Das Album erschien über Candlelight am 9. Februar 2010.
Albumlänge: 44:48 Minuten

Tracklist:


  1. "Mechanize" – 4:41
  2. "Industrial Discipline" – 3:38
  3. "Fear Campaign" – 4:54
  4. "Powershifter" – 3:51
  5. "Christploitation" – 4:58
  6. "Oxidizer" – 3:44
  7. "Controlled Demolition" – 4:25
  8. "Designing the Enemy" – 4:55
  9. "Metallic Division" – 1:30
  10. "Final Exit" – 8:18
Mehr Infos auf Fear Factorys Homepage

Alte Schule: Destinity wieder schwarz getaucht

Französischer Heavy Metal hatte immer einen schweren Stand. Immer im Schatten ihrer deutschen, schwedischen und englischen Schwergewichte vor sich hin vegetierend, brachte das Land des Rotweins und Baguettes nur wenige heraus ragende Gruppen zur Welt, die auch wo anders gut ankommen. 

So auch Destinity. Viel Beachtung erwarben sich die Franzosen mit ihrem letzten Album "The Inside", wegen seiner technischen Note. Vergleiche mit den weit aus stringenteren Gojira taten sich auf. Hoffnung keimte, dass Destinity eine ähnliche Entwicklung hinlegen. Weit gefehlt. Schon mit ihrem Opener "Just Before" und dem folgenden "A Dead Silence" zeigen Destinity auf "XI Reasons To See" wo der schwermetallische Hammer hängt. Viel eher an Amon Amarth und Unleashed erinnernd poltern sie volle Kraft nach vorne, um dann mit epischen Einlagerungen zu überraschen. Da ist auch wieder der moderne Aspekt zu hören: technoider Gesang, atmosphärische Keyboardflächen. 

Es überwiegen aber die treibenden und alt-schuligen Metal-Tugenden. "When They Stand Still" vermengt gekonnt moderne Einflüsse mit den klassischen Elementen des Metal. Hier und bei den anderen Stücken gelingt es Destinity ihr Gesicht stärker zu charakterisieren und ein überzeugendes und melodisches Death Metal-Album zu präsentieren, das an allen Ecken knallt. Wo noch beim Vorgänger Modernität und alte Schule ein wenig auseinander klafften, verschmelzen Destinity auf "XI Reasons To See" beide Gegenpole zu einer überzeugenden Metalllegierung, die nicht nur Fans von Hypocrisy, Unleashed und Amon Amarth überzeugen dürfte. "XI Reasons To See" stellt sich einfach frech zwischen die großen Drei aus Schweden und behält noch einen gewissen französischen Faden in der Hand. Irgendwie ist dann doch gut, dass Destinity eine andere Kerbe schlagen als Gojira. Man sollte Destinity mehr Beachtung schenken und nach ihren schweißtreibenden Liveshows Ausschau halten. Denn auf der Bühne knallen ihre Stücke noch ein wenig mehr. 

Anzahl der Songs: 11
Spielzeit: 52:07 min
Label: Lifeforce Records
Veröffentlichungstermin: 22.02.2010

01. Just Before…
02. A Dead Silence
03. When They Stand Still
04. To Touch The Ground
05. Your Demonic Defense
06. In Sorrow
07. Rule Of The Rope
08. Silent Warfare
09. Negative Eyes Control
10. Self Lies Addiction
11. Got Smile Sticking