Mittwoch, 3. Februar 2010

Der metallische Urknall: Overkill veröffentlichen "Ironbound"

Sie gelten als die dienstälteste Thrash Metalband, die ihren Prinzipien treu geblieben ist, neben Slayer natürlich. Die 1980 in New Jersey gegründete Gruppe um Frontmann Bobby "Blitz" Ellsworth gibt es nun seit dreißig Jahren. Pünktlich zum Jubiläum veröffentlichen die Amerikaner ein Manifest des "Thrash Metal", das sich gewaschen hat. "Ironbound" heißt das gute Stück.

Sie hatten in den letzten beiden Jahrzehnten ein wenig Zündschwierigkeiten. Die Neunziger nagten mit Grunge und Radio - College-Rock an den Veteranen. Wo 1989 ihr Album "The Years Of Decay" noch in die Position 155 der US Billboard Charts einstieg, ihr Folgealbum "Horrorscope" von 1991 das bis dato erfolgreichste Thrash Metal-Album ihrer Karriere ist, wurde es still um die eisenharten Jungs von der Ostküste. Overkill haben von Anfang an ihrer Karriere Hardcore Punk und Heavy Metal zu einer Legierung verschmolzen, die heute noch Thrash Metal genannt wird. Die stets freundlichen Männer um die beiden noch übrig gebliebenen Gründungsmitglieder Bobby Ellsworth und Bassist D.D. Verni blieben stets bei ihren Leisten. Sie entwickelten innerhalb des schon musikalisch eng gesteckten Metal-Subgenre, Album für Album immer neue Ansätze, dass Thrash Metal interessant bleibt. Sogar Rock'n'Roll brachte die giftgrüne Metalmaschine zum Laufen. Kann man von einer Krise bei Overkill sprechen, als Gruppen wie Metallica und Slayer an ihnen vorbei zogen? 

Overkill hatten zwar nicht mehr das große Medieninteresse, wie Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger erlangt. Doch wem nützt das schon? Damals gab es viel weniger Bands und mehr Aufmerksamkeit für Overkill. Zumal sie mit kompromisslosen Klängen und gesellschaftskritischen Texten seit ihrem 1985 erschienenem Debüt "Feel The Fire" von Anfang an eine treue Fangemeinde erschließen konnten. Das setzte sich mit den Alben "Taking Over" (1987) und "Under The Influence" (1988) fort und kulminierte in den Gipfelstürmern "Years Of Decay" (1989) und "Horrorscope (1991). 

Mit ihren dunklen Alben "I Hear Black" (1993) und "W.F.O." (1994) konnte die Gruppe nach mehreren Besetzungswechseln den Erfolg stabilisieren, aber irgendwie nahm die Aufmerksamkeit inmitten des Grunge und der aufblühenden Death- und Black Metal-Welle etwas ab. "The Killing Kind", erschienen 1996, konnte wieder aus dem Humus aufsteigen, wie der Phönix aus der Asche. Mit Alben wie "From The Underground And Below" (1998) und "Necroshine" (1999), sowie "Bloodletting" (2000), "Killbox 13" (2003), "ReliXIV" (2005) und "Immortalis" (2007) stieg das Interesse von Fans und Presse mehr und mehr. Overkill wandten sich vermehrt ihren klassischen Klängen der Achtziger zu.

Mit ihrem aktuellen Album "Ironbound" brechen alle Dämme: Overkill sind wieder zurück, besser und härter denn je. Hier blitzen die Soli wie vor 25 Jahren gefährlich auf, schreddern die Riffs mit ihren Iron Maiden gleichen Harmonien alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Der Bass von D.D. Verni rumpelt wie eh und je, die sich überschlagende, überhitzt keifende Stimme von "Blitz" Ellsworth bringt metaphernreich aktuelle Geschehnisse, persönliche Schicksale auf den Punkt ohne mit dem erhobenen Zeigefinger zu mahnen. Der sägende Sound ist da, brüllende Gangshouts und wuchtige Takte pumpen die alte Kraft in den alten griftgrünen Löwen. Gut gebrüllt, Overkill!

"Ironbound" ist über Nuclear Blast am 29. Januar 2010 erschienen.


  1. "The Green and Black" - 8:12
  2. "Ironbound" - 6:33
  3. "Bring Me the Night" - 4:16
  4. "The Goal Is Your Soul" - 6:41
  5. "Give a Little" - 4:42
  6. "Endless War" - 5:41
  7. "The Head and Heart" - 5:11
  8. "In Vain" - 5:13
  9. "Killing for a Living" - 6:14
  10. "The S.R.C." - 5:08

Montag, 28. Dezember 2009

Ein großer Satz nach vorne: Die Leipziger Metalcore-Band Portrait Of Tracy mit neuem Line Up

Sänger Ozzy und Gitarrist Phil sitzen entspannt in einer gemütlichen Lounge der Moritzbastei. Der tattrige „Prince Of Darkness“, Ozzy Osbourne ist nicht etwa bei den sächsischen Untergrund-Metallern eingestiegen, nein. Ozzy ist ein springfideler Mittzwanziger und bekennender Straight Edge-Anhänger aus der Pleiße-Metropole L.E. 


Straight Edge heißt soviel wie kein Alkohol, kein Fleisch, keine One Night-Stands und Gehirn einschalten. Im richtigen Leben heißt er Oscar Michlenz und will nun das schaffen, was der Leipziger Metalcoreband „Myra“ bereits gelingt: Mit Musik leben und auf den großen Bühnen der deutschen Clubs und Festivals zu stehen.


Im November hat die Leipziger Metalband Portrait Of Tracy den zweiten Auftritt mit dem charismatischen Frontmann absolviert. Warum kommt von der Band gerade jetzt der massive Druck gerade im Gesang Ozzys nach vorne und welche Pläne haben die Leipziger für die Zukunft?



Portrait Of Tracy wurde vor fünf Jahren in der Pleißemetropole gegründet, setzt auf metallische Markenzeichen, aber auch Hardcore Punk. Ein wenig windet sich die junge Band mit der Begrifflichkeit „Metalcore“, auch wenn ihre Musik so klingt. Im Leipziger Raum wurden sie recht schnell bekannt für ihren unverwechselbaren Klang, hatten sie doch einen völlig anderen Sound gefahren als ihre Kompagnons von „Myra“ und „Arranged Chaos“. Nun gab es auch einen Sängerwechsel. Gitarrist Phil hatte vorher eher die höheren Tonlagen getroffen, Ozzy entpuppt sich als springender Brüllwürfel. Noch steht das musikalische Pflänzchen auf wenig bewässerten Boden, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Touren soll ja bekanntlich beim Bekanntwerden helfen, am 12. Februar treten sie wieder in Leipzig auf.


Ozzy absolviert bei seinen Auftritten sowohl bei Locust Reign als auch bei Portrait Of Tracy immer eine sehr sportliche Show. Würde er das auch durchhalten, wenn der bärtige Mann mit Portrait Of Tracy zehn Tage am Stück auftreten müsste? „Ich müsste es versuchen. Da hilft nur trainieren, für den Fall, dass wir doch noch mal touren.“, sagt der freundliche Sänger mit leiser und ruhiger Stimme. Neben ihn sitzt Gitarrist Phil, der vorher auch den Sängerposten inne hatte. Er erzählt ausführlich, wie die Band auf „Ozzy“ stieß: „Früher habe ich ja gesungen. Irgendwann wurde mir das zu langweilig. Nicht dass mir Singen keinen Spaß bereiten würde. Es ist nur so, dass man am Mikro und an der Gitarre gleichzeitig wenig Möglichkeiten hat, die Leute anzufeuern. Man steht nur an einem Fleck und kann sich kaum bewegen. Wir sagten uns dann als Band, wir brauchen jemanden, der den Fans einheizt und nach vorne prescht. Gerade während der Instrumentalparts ist das wichtig. Ich überlegte mir dann, wer für uns den Frontmann machen kann. Mein erster Gedanke war, eben „Ozzy“ zu fragen.“


In Leipzig läuft man sich ständig über den weg und kennt sich schon längere Zeit. Phil schildert das 'Wie' in seiner heiteren Weise: „Ich hatte ihn letztes Jahr mit seiner Band „Locust Reign“ im Werk 2 gesehen, und war von seiner Action begeistert und auch stimmlich passte es ganz gut. Später schrieb ich ihn über ein soziales Netzwerk an und wartete auf seine Antwort, weil er lange Zeit sich nicht meldete. Dann ging es ganz schnell, er rief an und sagte „Ich habe Lust mitzumachen“. Dann haben wir uns nur über unsere Vorstellungen ausgetauscht und nun treten wir zusammen mit ihm auf. Im August lief das über die Bühne. Das ist also noch sehr frisch, dass „Ozzy“ dabei ist.“


Ihr erster Auftritt mit Ozzy fand in Goslar statt. Das war ein sehr kurzfristiger Auftritt. Portrait Of Tracy spielten im November in der Stadt. Ozzy erzählt rückblickend: „Das war echt eine Überraschung dort. Wir hätten nicht gedacht, dermaßen in Goslar abzuräumen. Die Leute waren begeistert und haben mitgemacht, kamen auf die Bühne. Für uns war das ein voller Erfolg und auch eine super Bestätigung. Die Veranstalter waren mit dem Konzert auch sehr zufrieden und wollen uns auf jeden Fall wieder dabei haben. In Goslar hat uns das wirklich kalt erwischt. Wir sind immer noch perplex, wie positiv unsere Musik aufgenommen wurde. Mit „Locust Reign“ hatte ich schon meine Erfahrungen dazu gesammelt und auch recht gute Reaktionen erfahren, aber mit „Portrait Of Tracy“ war das eine ganz andere Stufe. Schon allein, was das Songwriting angeht und das Equipment.“
Phil fügt lächelnd hinzu: „Für Leipzig war das besonders spannend, weil die Leute hier beide Gruppen kennen, also „Locust Reign“ und „Portrait“. Ich selbst habe mich nicht so auf das Publikum konzentriert, so dass ich hier nicht viel sagen kann. Aber uns kam zu Ohren, dass viele unseren Auftritt auch cool fanden. Experiment geglückt, sage ich da mal.“


Noch gibt es auf ihrer Myspace-Seite die Songs, die Phil, eingesungen hat. Die Band beruft sich auch ein wenig auf die kanadischen Prog-Metalcore-Helden„Protest The Hero“. Jetzt auch noch? Der Gitarrist windet sich ein wenig bei dem Gedanken, den selben Anspruch wie Protest The Hero mit seiner Band zu besitzen: „Jein. Protest The Hero sind nur an der Stelle dabei, wenn es um schnelle Gitarrenläufe geht und technisch anspruchsvolle Arrangements. Dafür sind sie definitiv ein Anreiz. Mit „Ozzy“ ist das jetzt ein Stückchen weit anders. Er hat einen brutaleren Gesangsstil, was vor seinem Einstieg auch anders war als ich noch sang. Bei „Protest The Hero“ sind meiner Meinung nach auf viele klassische Metal-Elemente drin, wie die Kopfstimme.


Als viele hörten, dass „Ozzy“ bei Portrait Of Tracy eingestiegen ist, gab es auch die Vorstellungen, dass sich der Sound anders würde. Man kann sich nur schlecht vorstellen, dass er ausschließlich hoch singt. Schreibt die Band neue Stücke, oder belässt sie es erst einmal beim Auftreten? Phil relativiert auch hier ein wenig und korrigiert: „Der erste Schritt ist für uns erst einmal, zwei Lieder mit „Ozzy“ aufzunehmen. Die wollen wir zunächst auf unsere Myspace-Seite zum klingen bringen. Uns geht es mehr um die Booking-Angelegenheiten, weil wir den Leuten nicht ständig erklären wollen, dass sie sich unseren jetzigen Klang wie eine Mischung aus uns und dem Gesang von „Locust Reign“ vorzustellen hätten. Album … , mal sehen, was nächstes Jahr auf uns zukommt. Erst einmal viel auftreten.“


Dann schwenkt das Gespräch zu einem Thema um, das seit Jahren viele Hardcore Punk- und Metalfans interessiert, spaltet oder auch vereint. Metalcore ist für beinharte Metalfans ein Schimpfbegriff. Nicht zuletzt liegt es auch am Benehmen einiger weniger Fans, die wüst herum rüpeln und durch ihr rücksichtsloses Gebaren auffallen. Das ist nicht immer so, wie man es erst am 27. Dezember im Leipziger „Absturz“ sehen konnte, als die Leipziger Metalcore-Band „Myra“ ihren hundertsten Auftritt feierte. Hier wurde schon aus Platzgründen wenig geschubst. Manchmal spielen Vorurteile gegenüber die Straight Edge-Bewegung eine Rolle, dass die Szene missliebig beäugt wird. Doch gibt es in der so genannten Metalcore-Szene immer noch Weg weisende Impulse, Neuerungen? Oder ist das Ganze auf der Musikebene mitterweile ausgelutscht und abgenutzt? Phil und Ozzy steigen sofort auf das Thema ein und distanzieren sich ein Stück weit vom klassischen Bild einer Metalcore-Band, Phil gibt das pro: „Der Begriff ist unserer Meinung nach nicht so ausgelutscht. Es ist etwas anderes, das uns an „Metalcore“ stört. Metalcore hat viele Schnittmengen mit Hardcore Punk. Letztere ist ziemlich politisch, zumindest findet man dort inhaltsstarke Texte mit Aussage. Das fehlt unserer Ansicht nach ein wenig im „Metalcore“. Wir wollen Inhalt und Aussagekraft für uns einbringen. Die Mischung von Metal und Hardcore Punk finde ich an sich nicht schlimm. Wenn es gut gemacht ist, warum nicht.“ Frontmann Ozzy kontert freundlich: „Ich bin da gegenteiliger Meinung. Metalcore besitzt für mich eine negative Konnotation. Im Laufe der Zeit wurde dieser Stil zu einem Klischee, zum Mainstream. Der Begriff ist für mich sehr verbraucht. Deswegen versuche ich immer eine eigene Stilbezeichnung zu finden. Mit „Metalcore“ wird man immer mit den Trendhoppern in einen Topf geworfen. Die Bezeichnung ist für mich auch zu allgemein gehalten.“ der bebrillte Gitarrist ergänzt versöhnlich: „Wenn jemand uns in die Ecke „Metalcore“ schiebt, weil er uns nicht anders einordnen kann, gut. Nur wenn ich gefragt werde, welchen Stil wir mit unserer Band spielen, dann wird es schwierig. Durch unsere Einflüsse haben wir eigentlich einen eigenen Stil entwickelt. Mit unserem neuen Line-Up ist eben alles anders. Wir beginnen einfach neu und ich denke, dazu werde ich mir noch die passende Stilbezeichnung einfallen lassen.“


Auftreten, auftreten, auftreten. Die Leute werden schon Portrait Of Tracy registrieren. Dann will die Band weitersehen, was auf sie zukommt. Das wichtigste ist für sie erst einmal Live spielen.


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New Hate Rising: Myra verdoppeln Angriffslust

Eigentlich war es ein Freizeitabend am 27. Dezember. Das Jahr ist alt, Myra haben im Absturz ihre einhundertste Show geliefert und das Publikum feierte Weihnachten nach. Die Leipziger Metalcore-Band um Sänger Sebastian Spillner befindet sich gerade mitten im Mixen ihres neuen Albums, das im April über die Ladentheken gehen soll.


Der Absturz ist eine Musikkneipe mit einer kleinen Bühne auf dem Feinkostgelände an der berühmten Kneipenmeile "Karli" gelegen. Man muss zunächst über den kargen Hof stiefeln, an den verschmutzten Dixie - Toiletten vorbei durch eine wackelige Holztür. Das Innere ist übersichtlich: links neben den Eingang ist gleich die Bühne. Weiter hinten an der rechten Seite befindet sich der gemütliche Tresen. Preise von 2 EUR das Drittel Liter Bier in kleinen Szeneflaschen plus Pfand von 50 Cent. Die Preise sind dem gehobenen Standard der Karli angepasst, obwohl Lage und verwittertes Aussehen niedrigeres Entgelt vermuten lassen. Aber egal.


Zusammen mit "In The Lines We Cross" und "Coldburn" wollen "Myra" mal die frische Luft außerhalb des Studios von Disillusion-Fronter Andy Schmidt schnuppern. Ist auch richtig, denn so erproben "Myra" zwei neue Songs auf Bühnentauglichkeit. Ansonsten steht Party an im dichtbepackten Absturz. Nach den beachtenswerten Auftritten der beiden Vorgruppen gibt es für die Leipziger kein Halten mehr. Das Adrenalin geht bei Frontmann Sebastian Spillner auf Höchstwerte. Unentwegt springt er ins Publikum, lässt sich auf Händen surfend durch das Auditorium tragen. Songs ihres letzten Albums "The Venom It Drips" lassen die vorderen Reihen brodeln. Weil Weihnachten ist, gibt es auch gleich Fangeschenke: Poster der Band vom diesjährigen Auftritt beim With Full Force, wo die fünf mit dem Rücken zu den Massen in der Tentstage stehen. Myras bis dato größter Auftritt überhaupt.


Mit dem neuen Album wird das hoffentlich ein Dauerzustand. Gilt die beliebte Band schon als neuer Komet am deutschen Metalcore-Firmament, wo schon Maroon, Neaera, Heaven Shall Burn und Caliban ihren Platz gefunden haben. Weitere Bands aus LE. können mit Arranged Chaos und Portrait Of Tracy folgen. Doch 2010 steht die Aufmerksamkeit ganz "Myra" zu, auch wenn "Arranged Chaos" ihr erstes richtiges Debütalbum veröffentlichen werden.

Sonntag, 27. Dezember 2009

Moritzbastei: Phillip Boa & The Voodooclub wärmen Veranstaltungstonne auf

Er gehört mit seiner Band zu den letzten Einhörnern des Independent-Rocks. Phillip Boa & The Voodooclub gastiert seit Jahren zu Weihnachten in der Leipziger Moritzbastei. Dieses Ereignis ist schon Tradition im alten Gemäuer. Aber im Gegensatz zu vielen Künstlern, die mit der MB altern, zeigt sich Boa mit seiner Band frisch wie vor 25 Jahren, als der Voodooclub gegründet wurde.


Am 25., 26. und 27. Dezember gab der Voodooclub um Sänger und Komponist Phillip Boa und Sängerin Pia Lund sein neuestes Werk „Diamonds Fall“ zum Besten. Aber auch alte Hits wie „Container Love“, „Kill Your Ideals“ und „Then She Kissed Her“ kommen an diesen Abenden nicht zu kurz.



Einen entspannten Einstieg findet der Abend, dass niemand am Einlass Schlange steht, gemütlich kühle Schwarze und Blonde gezischt werden, während man ein wenig am Verkaufsstand nach dem neuesten Album „Malta Tapes Vol. 1“ stöbert. Oder man speist an den langen Holztischen am Verbindungsschlauch zwischen Rats- und Veranstaltungstonne. Langsam startet auch der rockige Eröffner „Eher Uncool“. So heißt die frische Gruppe, die Leipzig mit melancholischen, neblig-rauchigen Indie-Rock verzaubert. Ihre nachdenkliche Mischung aus Blumfeld und Joy Division kommt bei den Leipzigern gut an. Sanft wird applaudiert, neugierig beäugt und beschnuppert. Warum „Eher uncool“? Der Name ist doch „cool“ gewählt!



Die deutschsprachig singende Truppe ist eine feine Wahl für heute Abend. Die Band eröffnete mit ihrem zitternd fragilen Gitarrenpop schon 2006 für Boa. Zumal Sänger Alexander noch am Ende der halbstündigen Show seine verträumte Liebe über Leipzigs „Großstadtmeile“ Karl-Liebknecht-Straße auspackt und nun endlich für Zustimmung und Kopfnicken beim zögerlichen Publikum sorgt. Hier wird wohl so mancher neuer Zuhörer gewonnen. Am Abend zuvor spielten die Leipziger Rocker „Cox And The Riot“, die nach Hörensagen gehörig abgeräumt haben sollen. Wenn die Band so weiter macht, kann sie bald Leipzig größter Export nach „Disillusion“ werden, munkelt man.


Bald wird es voll am Tresen und auch in der kühlen Veranstaltungstonne. Das verwitterte Gemäuer wärmt sich bald auf, als immer mehr Menschen in sie hinein strömen. Dicht an dicht stehen die Reihen als das Licht aufblendet und der Voodooclub mit Sonnenbrillen mit „Lord Have Mercy With The 1-Eyed“ vom neuen Album „Diamonds Fall“ einsteigt. Aufbrausender Jubel bei den Fans, die nach diesem Lied schon herumspringen und kuschelnd rempeln.



Pogen bei Boa? Das ist möglich, wenn der gut aufgelegte Sänger mit farbig unterfütterten Stücken wie „Eugene“ und „All I Hate Is You“ los legt. Über zwei Stunden genießen Boa und Sängerin Pia Lund bei der bunt gesprenkelten Lichtshow ihren Best-Of-Auftritt und kommen für drei Zugaben zurück auf die Bühne. „This Is Michael“ gehört ebenso zu den vom Publikum mitgesungenen Liedern wie „Container Love“. Am Ende klatschen die Menschen mit „Pia! Pia!“-Rufen die blonde Sängerin zurück in den Saal. Dann haucht sie zum Abschied den ewigen Hit „And Then She Kissed Her“, der von jedem in der Tonne mit gesungen wird und für Gänsehautstimmung sorgt. Auch die neuen Liedperlen wie „Diamonds Fall“, „“Valerian“ und „Jane Wyman“ werden ausgiebig gefeiert. Zum Schluss kommt der Maestro noch einmal auf die Bühne und verabschiedet glücklich die ersten Reihen mit Händeschütteln und einem Lächeln auf den Lippen. Boa kommt wieder. Das ist sicher.


So brechen die Anwesenden mit guten Erinnerungen an ein überragendes Konzert auf, das die gesamte Breite des musikalischen Schaffens des Voodooclubs absteckt und zudem mit dem Verkauf der „Malta Tapes“ noch einen Mehrwert mit gibt. Manche von ihnen verirren sich in der benachbarten Ratstonne, wo DJ KillaSeppel bei der Heavy Metal Nix Im Scheddel-Party den einen oder anderen Indie-Rocker zu den dumpfen Klängen von Sepultura tanzen lässt.


Mehr Infos:


http://www.phillipboa.com/


http://www.youtube.com/user/pboa


http://www.myspace.com/phillipboaandthevoodooclub

Samstag, 26. Dezember 2009

Kein Pantoffelkino: Heaven Shall Burn lassen in Leipzig die Massen kreisen

Es ist anfangs nur ein Schuh, dann kommt ein weiterer hinzu. Beide werden über die Köpfe der kreisenden Masse beim Auftritt von Heaven Shall Burn gehalten. Der Bewegungsdrang bei der thüringischen Metalcore-Gruppe ist sichtlich enorm. Ruppige Rempeleien wechseln mit Bierduschen ab. Man feiert Weihnachten im Werk II.


Das ist aber nicht immer so an diesem ersten Weihnachtsfeierabend. Die sogar aus Hessen angereisten Fans warten schon seit 16 Uhr aufgeregt auf dem kalten Pflaster des Werk II-Geländes. Aber erst gegen halb sieben beginnt der Einlass zum Weihnachtskonzert der besonderen Art. Denn die Proben ziehen sich hin. Zuletzt stehen „Deadlock“ auf der Bühne und haben den „Soundcheck“ gemacht.



Kurz nachdem sie ihre Instrumente ausschalten, öffnet sich die hölzerne Tür zum „Darkness Over-X-Mas“. Die Massen strömen Karten wedelnd in die große Halle A. In diesem Jahr geben sich fast ausschließlich so genannte Metalcore-Gruppen die Klinke in die Hand. Die großen Namen der deutschen Metalcore-Szene sind hier zu sehen: Heaven Shall Burn, Neaera und Deadlock. Zum Leidwesen vieler treten heute die ebenfalls aus Deutschland stammenden Szenelieblinge Caliban nicht auf. Die schauen sich die Show der anderen Gruppen Backstage an und werden am zweiten Weihnachtsfeiertag in Hamburg auftreten. Die Gruppe wechselt sich mit den Münsteranern von Neaera ab.


Zwei Gruppen schlagen aus der Art: Die progressiven und melodiösen Death Metaller Dark Tranquillity aus Schweden und die Bühnenpiraten aus den USA – Swashbuckle.



Die einzelnen Auftritte werden mit gemischten Gefühlen aufgenommen. So erklären Deadlock später im Interview, dass sie nur diese kurze Spielzeit von fünf Songs haben, weil ihre Freunde von Heaven Shall Burn und Caliban sie gerne mit dabei haben wollen. Dafür sorgen die sechs Veganer um die hübsche Sängerin Sabine Weniger und ihrem tief grunzenden Kompagnon Johannes Prem mit ihrem Hit „The Brave / Agony Applause“ vom letzten Album „Manifesto“ für Begeisterung. Der poppige Zauber war aber nach fünf Liedern schon vorbei, aber an den erhobenen Händen und dem Jubel kann man ablesen, dass viele Fans die sympathische Gruppe lieben. 2010 ziehen sich die sechs zum Songschreiben für ein neues Album zurück. Es wird sicher nicht überraschungslos für die Fans werden. Soviel kann schon mal gesagt werden.



Nach ihrem Auftritt entern die lustigen Amerikaner von Swashbuckle die Bühne. Im wahrsten Sinne des Wortes holzen sich die Piraten durch ihr überlanges und abwechslungsloses Liedprogramm. So sehen es ein Großteil der Leute, die mit verschränkten Armen, aber dennoch interessiert der krachigen Variante des „Thrash Metal“ lauschen. Und so langweilen sich schnell die bereits rund 800 Anwesenden im vollgepackten Auditorium mit dem Anspruch „schnell, schneller, am schnellsten“. Heute ist wohl das falsche Publikum für die schunkelnden Trinklieder anwesend. Die meisten trinken kein Alkohol, und diejenigen, die es tun, versacken am Tresen bei Jägermeister und Lesen von Lidl-Einkaufszetteln.



Das Eis bricht bei den peitschenden Rhythmen von Neaera. Sie spielen einen Mix aus extremen Hardcore Punk, Death Metal und winzigen Einsprengseln Black Metal. Mittlerweile baumelt schon das riesige Backdrop der Headliner „Heaven Shall Burn“ an der Bühne. Das verspricht schon vieles. Doch die Gäste müssen warten. Inzwischen reißen Neaera das Ruder vom amerikanischen Schlingerkurs zu ihrem Gunsten um, erste Männlein und Weiblein surfen schon auf den Händen des Publikums durch den Saal. Die trampelnde Herde rast einen Kreis vor der Bühne oder rennt wild umherspringend aufeinander zu. Metalcore ist halt kein Pantoffelkino. Erste blutende Schürfwunden sind bei so manchem zu erkennen. Rücksicht sieht anders aus.



Die jungen Leute – zwischen 16 und 20 Lenzen – können bei den stimmungsvollen Schweden von Dark Tranquillity aufatmen. Ärgerlich für manche Fans ist nur, wie gleichgültig die intelligent gestrickte Musik von vielen Anwesenden aufgenommen wird. „Was ist das für eine hässliche Frau, die da vorne singt?“, so das plumpe Understatement so manchen angesichts der blonden Lockenpracht des Sängers Mikael Stanne. Doch hier und da wippen einige mit dem Fuß und öffnen sich für die erzählerische Kraft ihrer schon literarisch wertvollen Texte und den einfallsreichen Kompositionen. Dark Tranquillity erspielen sich Lied für Lied Respekt und bedanken sich zum Abschluss mit einem lautstarken „Leipzig is great“.



Die Anzahl der T-Shirts mit dem Schriftzug des Bandnamens ist inzwischen schier unübersichtlich. Hier sind die meisten nur wegen Heaven Shall Burn gekommen. Nach einer längeren Pause verdunkelt sich das Saallicht wieder, dann geht die japanische Sonne auf. Das Intro „Awoken“ ihres neuen Albums „Iconoclast“ eröffnet den munteren Reigen, der schon bei Neaera begann. Mit einer eindrucksvollen Lichtshow und der weißen Bühnengestaltung mit dem CD-Artwork von Bastian Sobtzick wird der Status von Heaven Shall Burn optisch unterstrichen. Wie ein wirbelnder Derwisch mischt der weiß gekleidete Sänger Marcus Bischoff die Fans auf, fordert sie bei den todesbleiernen Stakkato-Riffs auf, im Kreis zu rennen und gehörig umher zu springen. Nun verdoppelt sich die Anzahl der „Crowdsurfer“ bei aktuellen Liedern wie „Endzeit“ und der Coverversion „Black Tears“ von der schwedischen Death Metal-Band „Edge Of Sanity“. Letzteres wurde als Zugabe gespielt, nachdem einige Anwesende ihre Schuhe verloren und Bierduschen abbekommen haben. Die außer Rand und Band geratenen Fans feiern während des fast anderthalbstündigen Auftritts auch die älteren Hits wie „Counterweight“.


Viertel zwölf war der Zauber vorbei, die verschwitzten und erschöpften Massen strömen mit der wohl schönsten Weihnachtserinnerung in die milde Weihnachtsnacht. An der Straßenbahnhaltestelle am Kreuz wird auch der junge Mann gesichtet, der seine Schuhe beim Kreislaufen verloren hat. Barfüßig und ohne Socken sitzt er auf der kalten Stahlbank und wartet auf die Linie 11, die ihn zum Bahnhof bringen wird. So mancher wird auch an diesem Abend seine Wunden lecken und überlegen, ob manche mit dem Umherspringen übertreiben und mit ihren unkontrollierten Faustschlägen und Fußtritten anderen ein Konzerterlebnis vermiesen.


Fotos von Tine Kersten


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Mittwoch, 23. Dezember 2009

The Chariot: Wars And Rumors Of Wars

The Chariot gehen den unbequemen Weg, für sich und ihre Zuhörer. Und sie sind damit erfolgreich. Irgendwie werden sie für ihre vertrackten Hassbatzen mittlerweile genauso stark wahr genommen, wie ihre  Musik-Mathematik-Kollegen von Dillinger Escape Plan und Converge. Norma Jean haben hingegen einen recht belanglosen Weg eingeschlagen.


"Wars And Rumors Of Wars" ist ein dreißigminütiges Manifest taumelnder Rhythmen voller unbändiger Wut und ungezähmter Brachialität. Scheinbar fast schon von diesen Gefühlen blind, rasen die Amis um den ehemaligen Norma Jean-Sänger Josh Scogin durch ein chaotisches Kaleidoskop der Gewalt und Gefühlskälte. So klingt es jedenfalls. Aber The Chariot ist eine christliche ...Core-Band, wie August Burns Red beispielsweise. Und thematisch geht es dort um andere Geschichten, als nur dumpfer Zorn. Schon der Bandname verweist auf die Bibelzeile von Elias und den Feuerwagen. Also die apokalyptische Beschreibung des Propheten des Wagen Gottes. Und damit ist auch die Kernaussage zur inhaltlichen Ausrichtung von The Chariot getroffen. Das ist es nicht allein. Es geht auch um Themen wie Kapitalismus, Materialismus und um den Tod. Auch persönliche Erfahrungen fließen in die Lyrics ein. So auch auf diesem Album, wo Scogin den Verlust seines Vaters Tod thematisiert. 


Nun zur Kritik: das Album wurde in einer von der Band selbst durchnummerierten, signierten und gestempelten Auflage von 25.000 Stück produziert und gilt mittlerweile als ausverkauft. Die Preise bei Amazon & Co. gehen für den Silberling bereits in schwindelerregende Höhen. Nur über iTunes kann man sich das Album legal noch besorgen. Das war es auch schon. Für eine bekannte Untergrund-Band fast schon ein Hohn. Denn so werden illegale Kopien gerade zu gefördert. 

Overmars: Affliction, Endochrine ... Vertigo

Seit vier Jahren existiert das von Overmars geschriebene Album "Affliction, Endochrine ... Vertigo" mittlerweile. Inzwischen haben die französischen Schlepp-Core - Metaller ein weiteres Album, eine Split und eine EP nachgeschoben. Live sind sie leider nur im französischsprachigen und zu Teilen nur im westdeutschen Raum zu sehen. In den Genuss dieser Band sollte man absolut kommen.



Denn Overmars bieten zumindest bei "Affliction ..." eine schroffe, atmosphärische und dicht gepackte Mischung aus Cult Of Luna, Isis und vielleicht auch Neurosis. Da wabern elektronische flirrende Klangwelten, monoton kreiselnde Akkordfolgen und dumpf brütende Gesänge in das Hörzentrum. Möge die Gleichförmigkeit der ständigen Wiederholung nun endlich seine psychedelische Wirkung entfalten, unter deren Einflüssen die Musik vielleicht entstand. Mitunter schleichen Overmars dermaßen im schmutzigen Mulm, das sie schon die rauen Granitfelsen zum Vorschein schürfen. Neben ihren drei epischen Stücken "This Is Rape", "En Memoire ..." und "From Love To Exhausting ..." streuen Overmars postrockige Interludien ein, die sich mit tiefgründigen fünfminütigen Umwuchtungen abwechseln.


Bislang unentdeckt in deutschen Landen, ist Overmars aus Frankreich eine ernstzunehmende Band, die leider zu Unrecht im Schatten von Cult Of Luna, Isis & Co. steht. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie hier noch nicht so oft aufgetreten sind.