Dienstag, 22. Dezember 2009

Musikalischer Farbfilm: Dioramic proggen in Technicolor

Manche Menschen haben sicher vergessen, dass Musik das Farbempfinden fördert. Klänge und Töne können viele Gefühle hervor kitzeln und uns auf eine innere Reise mitnehmen. Seit sieben Jahren versuchen drei junge Herren aus Kaiserslautern, Achterbahnfahrten zu vertonen. Dioramic heißt die 2002 gegründete metallische Hardcore Punk-Büffetplatte.



Mit "Technicolor" tauchen Arkardi Zaslavski (Gesang/Gitarre), Jochen Müller (Gesang/Bass) und Anton Zaslavski (Schlagzeug) in die verschachtelten Erzählungen ihrer von Licht und Schatten durchdrungenen Epen. In fünfzig Minuten scharwenzeln Dioramic mal sacht mal aggressiv um den Hörer. Das Trio legt ihm eine einfühlsame Instrumentalarbeit auf den Teller, übergießt das dann mit einer wütend kochenden Pfeffer-Chili-Soße, bis grob geschnittene Gemüsewürfel bunt auf die Sinne des Betrachters purzeln. Da erheben sich zornige Metalcore-Protze, es buhlen knarzige Postrock-Stimmen poppig um des Hörers Gunst und dann verdrehen sie ihm den Hals, bis der Letzte vor Staunen mit seinen aus den Höhlen purzelnden Augäpfeln zu kämpfen hat. Hier hat die taufrische Gruppe etwas ganz eigenes gebacken. Denn trotz der unglaublichen Vertracktheit jedes einzelnen Songs, verstehen es die drei ihre Geschichten mit rotem Faden zu erzählen. Sie finden immer wieder zurück auf den breiten Pfaden der eingängigen Tugenden, die Refrain oder mal Strophe heißen. Harmonien wechseln sich mit breitwandigen Riffs ab, weit ausladende Hymnen mit abrupten Brüchen und Schlüssen.


"Technicolor" ist ein beeindruckendes Debüt, das sich angenehm vom Metalcore-Wust abhebt und Hoffnung auf noch glanzvollere Weiterentwicklungen macht. "Technicolor" ist ein sattes Album, das für jeden, der die kanadischen Prog_Core-Helden von Protest The Hero mag, wie Lust auf die erzählerische Eleganz von Mastodon hat.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Metallica: Death Magnetic

Back To The Eightees heißt das Motto der bahnbrechenden Metalband Metallica. Auch wenn Unken die Band in den Neunzigern zu Grabe getragen haben wollen, so schaffen sie es spätestens mit "Death Magnetic" aus eben jenen wieder aufzuerstehen. 



Da blitzen die scharfriffigen Gitarren und die Shouts von "Ride The Lightning" auf, dann wieder die rockig rührenden Rhythmen der "Load" und "Reload"-Phase sowie einige leicht vertrackt epische Teile, die wir aus "... And Justice For All" kennen. Alles nur Augenwischerei, Flickschusterei? Äußeres und Inneres von "Death Magnetic" besinnen sich auf das Herz und das Imgae der wohl erfolgreichsten Metalband weltweit. Oder zumindest die bekannteste. Und das meistern sie mit Bravour. Das von Rick Rubin produzierte Album beweist zwar allen Rückgriffs, dass man mit der Band immer noch rechnen muss. All die Ausflüge bis gestern wurden über Bord geworfen, die Band scheint wieder zu ihrem Kern gefunden zu haben. 


Metallica haben mit diesem Album erkannt, dass es wohl besser ist, so zu bleiben wie man ist. Das passt auch zur konservativen Attitüde zu Metal, die Drummer Lars Ulrich immer aufzubrechen versuchte. Hier regiert die alte und auch wohlgeschliffene Metal-Axt. Ohne Rost und Staub. Metal Up Your Ass!

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Isis: Wavering Radiant


Wabernde Klangfluten, stürmische Bassläufe und aufgebrochene Songs auf das zähflüssigste und atmosphärischste intonieren "Isis" in ihrem letzten Album "Wavering Radiant". Das haben sie schon seit jeher gemacht, aber nicht so ausgereift und so schwer zugänglich, wie auf diesem Meisterwerk. Metal geht auch ohne Klischee, man kann diese Musik doch noch vorwärts bringen.

Viele Metalfans betreiben Eskapismus der besonderen Art. Sie wünschen sich in selige Zeiten zurück, die sie vielleicht nie erlebt haben. Zeiten, wo Metal noch wie "Slayer", "Judas Priest" und "Iron Maiden" klang. Man geht auf Konzerte von "Kiss", sucht Gruppen, die genauso "wie früher" klingen und günstiger im Eintrittspreis zu haben sind. Oder Metalfans treffen sich auf fast schon überflüssige Sommer-Festivals, wo sowieso nur dieselben Gruppen spielen, die im darauf folgenden Herbst die Clubs beackern und wo niemand mehr hingeht. Feiern lustlos zusammen gezimmerte Alben, als gäbe es nichts schöneres. Nur wehe, man stört diese heile Welt.

Dass der Metal-Underground eigentlich tobt und wütet, sich die Musik immer durchdachter präsentiert und sich auch vermehrt Stilen öffnet, die eher als ernsthaft einzuordnen sind, wissen die wenigsten. So tragen "Isis" mit "Wavering Radiant" zur neuen Stoßrichtung bei, die sich vielgestaltiger präsentiert als alleine nur Metal es je vermag. Merkmal von "Isis" waren immer schon wuchtige Kompositionen, die mit stimmungsvollen Auflockerungen Abgründe und auch Horizonte öffnen, je nachdem wie heftig der Härtepegel ausschlägt.

Es sind immer noch die weit ausladenden Stücke von "Isis" da. Vielmehr ist die flirrende, grollende und ätherische Wirkung ihrer Songs noch größer und noch breitwandiger als früher. Das hat "Isis" schon immer charakterisiert: An eigene Grenzen stoßen, sie überfliegen um dann den Hörer im Humus wühlen zu lassen. Kartenhäuser brechen ein, Abgründe tun sich auf. Ihre Alben setzen wie bei einer Gemäldereihe eine Weiterentwicklung auch beim Zuhörer voraus. Aber auch Vorstellungsvermögen, die eigenen Gedanken kreisen und treiben zu lassen. Die manchmal krachig-taumelnden Lieder können innerhalb von wenigen Minuten die Stimmungen wechseln, sind meist aber von einer steinernen Melancholie gefärbt.

Die epischen "Hand Of The Host" und "Threshold Of Transformation" erzählen mit ihrer Mischung aus New Wave-Echo und brummigen Doom Metal von Sehnsüchten und Enttäuschungen. Kontrollverluste werden ausgebrüllt, dann wieder sanft und klar erzählt. Von Selbstlüge ist die Rede, wenn der pulsierende Bass im Hintergrund ein Echolot ausstrahlt. Persönliche Ansichten vom Scheitern und Schmerzen sind im stählernen Mantel der Gefühlskälte gehüllt. Frostige Traum-Entwürfe sind mit warmen Gitarrenläufen unterfüttert. Trotzdem fühlt das Album den Hörer gerade durch seine anfängliche Distanziertheit um so stärker auf den Zahn und schleicht sich ergreifend schön immer tiefer in dessen Gedankenwelt, beeinflusst sie, lässt reflektieren, bringt einen dazu, immer mehr mit eigenen Personen und Geschichten auseinandersetzen. Etwas, dass sonst als so typisch angesehene Metalsongs "The Number Of The Beast" (Iron Maiden), "Screaming For Vengeance" (Judas Priest) und dergleichen nicht vermögen. Sie wälzen sich immer noch im Mehl der Augenwischerei und im Staub der eigenen Geschichte.

Samstag, 28. November 2009

Flagge gezeigt: Mit Iron Maiden in die Wende gerutscht

Es war meine letzte Reise in ein Kinderferienlager. Damit begann alles. In der damaligen Tschechoslowakei entdeckte ich 1989 die Liebe, den Rausch und Heavy Metal. Letzteres lernte ich durch vielerlei Umstände kennen. Da waren Funktionäre, Freunde und Feindbilder, die meinen Weg kreuzten.


Natürlich kann ich nicht mehr wiedergeben, wie alle Protagonisten von damals heißen. Auch der Ort verschwimmt in meinem inneren Auge zu einer namenlosen Anhöhe in einem böhmischen Gebirgsmassiv, das nur wenige Fahrtstunden von der Schneekoppe entfernt liegt. Dort in dem von einem Kiefernforst umrahmten Anstieg befanden sich hölzerne Bungalows und im Tal ein Gemeinschaftshaus, wo wir Kinder und Jugendliche zur Disco gingen und unsere Mahlzeiten einnahmen. Damals war ich gerade 14 Jahre alt. Mitten in der Pubertät und auf der Suche nach etwas eigenem. Und einem Mädchen.


Heavy Metal war da nur zweitrangig. Ich malte und male heute immer noch gerne. Damals waren es die Konterfeibilder vom Iron Maiden-Maskottchen „Eddie“. Weil ich schon eine gewisse Zeit Übung besaß, ihn möglichst originalgetreu nachzuzeichnen, bekam ich auch den Spitznamen „Eddie“ zugeschrieben. So stellte ich mich auch neuen Kumpels vor. Auch wenn ich nur wenig von dieser Musik gehört hatte und damals Queen oder Bon Jovi das härteste meiner Empfindung nach war, identifizierte ich mich mit Heavy Metal. Warum? Viele der im Ferienlager anwesenden Jugendlichen mochten diese Musik, bewunderten meine Fähigkeit das Maiden-Monster zeichnen zu können. Nun waren es die Kumpels im Lager, die mir die Klänge von AC/DC und Slayer nahe brachten und zeigten wie man wie Angus Young auf den Schultern seines Kumpels reitet. „Das beeindruckt die Mädels“, steckte mir der jüngere Fan aus Aue, der der größte AC/DC – Fan aller Zeiten war und am coolsten abhotten konnte.


Eines Tages war es soweit. Wir gingen mit unserer Gruppe in ein Nachbardorf und separierten uns von den anderen. Mir kam das alles abenteuerlich vor. Letztlich war ich auch neugierig und fand das aufregend. Wir standen vor dem Plattengeschäft im verschlafenen Dorfzentrum, den Kopf voll mit Federweißer, den wir vorher getrunken hatten. In der Verkaufsauslage sah ich das damals noch aktuelle AC/DC-Album „Blow Up Your Video“. Dort sprang Angus Young aus dem Fernseher und machte klar, dass TV kein Rock'n'Roll ist. Wir stehen da so eine Weile herum, als ein vollbärtiger und langhaariger Mann auf uns zu kam und uns auf englisch, tschechisch und deutsch ansprach. Wir sollten mit zu ihn nach Hause kommen, da würden uns echte Schätze erwarten. Wir waren verunsichert und unsere Bedenken waren schnell ausgeräumt. Waren wir doch fünf oder sechs Leute, während er nur einer war.


In seinem Wohnzimmer lagen auf dem sonnenbeschienenen Tisch jede Menge Alben ausgebreitet. Darunter auch ein Album von Madonna. Dort befand sich auch eins von Helloween, jener deutschen Metal-Band, die seit 1987 große Erfolge feierte und justament „Keeper Of The Seven Keys Part II“ veröffentlichte. Der freundliche Kerl hatte aber den ersten Teil angeboten und fragte uns, ob wir es kaufen würden. Jemand schnappte sich das Album so flink, dass ich mich ärgerte es nicht abbekommen zu haben. Doch dann sah ich es golden blitzen und zum Vorschein kam „Eine kleine Nachtmusik“ von der britischen New Wave Of British Heavy Metal-Legende Venom. Polnische Pressung, schwer, golden und nahezu original zu dem, was jenseits des eisernen Vorhangs verkauft wurde. Eine echte Rarität, wie es sich später heraus stellen sollte. Ich zog das Album zu mir, klappte das Gatefold auf und sah die coolsten Typen der damaligen Metal-Welt. Zumindest war der langhaarige Mann mit Zylinder und Zigarre krass genug um dem Tschechen zu sagen: „Ja, ich nehme es. Wie viel?“ Ich hatte keine Vorstellung von dem, was mich erwarten würde und verwahrte das Doppelalbum bis zu meiner Ankunft in Leipzig auf. Indessen hörten wir AC/DC bei den Discos und Queen.
Bei diesen Gruppen lernte ich, wie man Luftgitarre spielt, headbangt und herum post. Natürlich macht man das nur, um Mädchen zu beeindrucken. Weniger beeindruckend war es, nach der Action zu einem Mädchen hin zu gehen und es anzusprechen. Warum? Bei diesem kindischen Ausdauersport im Diskosaal habe ich nach Schweiß gerochen, stand verschwitzt vor einer Gruppe hübscher junger Frauen und holte mir eine Abfuhr. Es muss fürchterlich für sie gewesen sein, als plötzlich ein adoleszenter Jüngling mit rotem Gesicht, röteren Pickeln und verschwitztem halblangen Haar und durchnässtem Shirt vor ihnen stand und unbeholfen stammelt: „W-w-w-willst Du mit mir tanzen?“


Metal äußerte sich während dieses Aufenthaltes auch anders. Nicht nur anerkennend, als ich zu der Venom-Scheibe auch noch die aktuelle AC/DC kaufte. Taschengeld hatte ich genug. Eines Tages fragte mich doch ein Berliner Kumpel, ob ich sein mitgebrachtes Bettlaken mit dem Eddie-Monster von Iron Maiden bemalen könnte und zeigte auf meine Filzstifte und legte noch ein paar dazu. Er besorgte noch ein paar von den Kindern, die das auch irgendwie gut fanden. Oder auch nicht. Der Berliner legte eine aktuelle Bravo auf den kleinen Sprelakart-Tisch, worin Iron Maiden mit eine rgroßen Geschichte angekündigt waren und auch das einfallsreiche Artwork gezeigt wurde. Ich legte los und ahmte das Motiv nach, das Iron Maiden für die damalige Single „Can I Play With Madness“ verwendet hatten. Es zeigt den Kopf von Eddie, dessen Schädelkalotte aufgebrochen war und von unsichtbarer Hand ausgelöffelt wurde und Flammen heraus stiegen. Wie bei einem flambierten Omelett.


Was machen Jungs, wenn sie nichts zu tun haben? Richtig. Unsinn. Die drei weißen Fahnenmasten lockten nahezu, die neue Flagge – das Iron Maiden-Tischtuch – hoch zu hieven. Nur gab es drei Probleme: jeder der drei Masten war besetzt. Dort flatterten die damalige tschechoslowakische Fahne, die Flagge der DDR und die der FDJ.


Wir berieten uns nur kurz und entschieden, dass die FDJ-Flagge runter muss, um die Iron Maiden-Flagge hoch zu leiern. Das taten wir auch. Schnell, schnell. Das darf keiner sehen. Zuvor mussten wir die FDJ-Flagge runterholen. Denn eine der beiden Staatsflaggen runter zu nehmen, wäre fast schon Landesverrat gewesen oder irgendwie kriminell. FDJ eben nicht. Kaum hatten wir die Iron Maiden-Flagge nach oben gebracht, kommt eine FDJ-Delegation angestiefelt. Zu Besuch. Wohin sie des Weges waren? Balaton.


Sie kamen sich rege unterhaltend die Anhöhe hoch, sahen den Frevel und erstarrten. Zugleich kam unser Ferienbetreuer und stellte uns zur Rede. Wir sollten unsere Fahne wieder herunter lassen. Was fiele uns denn ein und überhaupt. Er machte Anstalten, das flatternde Übel herunter zu holen, wobei wir ihn zu hindern versuchten. Ich sprang lachend auf seinen Rücken, versuchte ihn zu kitzeln, während die anderen ihm das bemalte Laken entwenden sollten. Das misslang. Er war einfach zu kräftig und zu wendig für uns Hänflinge. Wir wurden verbal zusammen gestaucht, Rückfahrkarte wurde auch angeboten.


Wir folgten und stapften zu unseren Bungalows, bis wir heraus gerufen werden sollten. Ungefähr eine halbe Stunde später war es dann soweit. Wir mussten zum Versammlungshaus. Dahinter hatte die FDJ-Delegation einen Scheiterhaufen aufgeschichtet und zum brennen gebracht. Über den knisternden Flammen brieten sie lachend auf Stöcken aufgespießte Krakauer. Wir sollten uns auch bedienen und mitmachen. Mein Betreuer meinte, ich solle mir den Haufen genauer anschauen. Und siehe da, am Rand kokelte das Laken, worauf das Eddie-Monster noch zur Hälfte griente. Jetzt verstand ich, warum die FDJler lachten. Wahrscheinlich haben sie von den DDR-Flüchtlingen gehört, wie sie nach Österreich flohen. Und so noch die letzten Züge der DDR genossen, mit realem Sozialismus verkokelten sie die jugendliche Nichtigkeit des voran gegangenen Vorfalls, wie Nazis ein Buch verbrannt hätten.









Montag, 23. November 2009

Geschichte schreiben mit Dante's Dream: Episodes wurde veröffentlicht


Neue Sparten, Nischen in der Musik zu finden ist heutzutage nicht ganz einfach. Entweder man hängt sich an den großen schnaufenden Pop-Zug, der durch jede Stadt mit viel Lärm rauscht. Oder eine junge Band setzt sich an einen geheimen Ort und ersinnt etwas ganz eigenes, das einem niemand weg nehmen kann. Man läuft dann auch Gefahr, für immer und ewig ein Nischendasein zu fristen. Aber die Chance ist genauso groß, entdeckt zu werden.


Letzteres könnte natürlich auch auf „Dante's Dream“ zutreffen. Die Leipziger Eclectic Popper haben unlängst ihr Erstlingswerk „Episodes“ veröffentlicht. Anders als andere Gruppen, springen „Dante's Dream“ nicht auf den kunterbunten Trend und versuchen besonders schrill oder laut zu sein. Plakative Posen wird man bei „Dante“ nicht finden. Stattdessen wogen zwölf feinsinnige und dennoch eingängige Stücke durch die Lautsprecherboxen. Vielschichtig stricken und weben die vier Musiker Geschichten , die jeder erleben könnte. Es ist auch so, dass „Dante“ nicht immer leise tönen, sondern auch dramatisch aufwallen können.


So steigt das Album mit friedlichem Froschquaken ein, suggeriert eben die kleine Nische am Ufer eines Teichs, der still und ruhig in der Abendsonne glänzt. Doch mit zunehmender Laufzeit öffnet sich der anfänglich unbeschwerte Blick in die eigenen Gedanken, die man beim Hören von Liedern wie „Supernova“ und „Episodes“ entwickelt. Bis man im letzten Teil des Albums beim dem Stück „Das edle Herz“ aufblickt und gar nicht mehr den kleinen Teich sieht. Man schaut stattdessen in die aufgewühlte Seele des Albums. Die weit ausladende Geste, die manchmal in den einzelnen Stücken aufblitzt, verschwindet zum wahrhaftigen Ausdruck, zur großen Lyrik. In seiner Zurückhaltung sagt „Episodes“ mehr als nur wetteifernd verzerrte Gitarren und brachial geschrieene Ungerechtigkeiten. Bei „Episodes“ geht es vielmehr um das echte Gefühl, und das, was man fühlen könnte sich aber nie zugetraut hat, auszudrücken. Egal ob die Gitarren braten und die Songs überraschende Wendungen gehen.


Mit „Episodes“ haben „Dante's Dream“ ein Album mit großer erzählerischer Kraft eingespielt. Sowohl musikalisch als auch textlich. Dabei vermeiden die Musiker, dass das Album trotz seiner offenen Zugänglichkeit auf die Schnelle konsumiert werden kann. „Dante's Dream“ gelingt es, trotz mancher lauten Momente von „Episodes“ auch die Stille klingen zu lassen.






„Episodes“ ist limitiert auf 1.000 Exemplare, ist aber als MP3-Download bei iTunes und musicload.de erhältlich. Außerdem ist das Album noch in den Geschäften „Ohrakel“, „Klanggarten“, „PhonoCentrum“ und „Whispers“ erhältlich.


Dante's Dream: Episodes, ersch. Eigenvertrieb 2009, aufgenommen 2009 im Studio „Kick The Flame“, Songtitel: 01. Dante's Theme, 02. Supernova, 03. Episodes, 04. Insane, they say, 05. Give In, 06. Satellite, 07. The Queen And The Jester, 08. Prelude, 09. Elegy, 10. In Th eName Of, 11. Dante's Theme (Reprise), 12. Das edle Herz


Dauer: 48 Minuten

Mittwoch, 18. November 2009

Zwischen Playmobil und Nintendo: Schockwellen grollen im Conne Island

Wer hat noch die Nintendo-Tandy-Spielekonsolen-Klänge seiner frühen Jugend im Ohr? Es gibt Gruppen, die diese Klänge in ihre Musik einbauen und das mit Metal, Klassik und Pop sowie Hardcore Punk vermischen. So gehört und gesehen am 20. November im Conne Island, als dort die "Imperial Never Say Die!"-Tour für ihren letzten Deutschlandaufenthalt stoppte.


Weil die Gruppen "Oceano", "The Ghost Inside" und "As Blood Runs Black" passable und solide Auftritte ablieferte, ihre Musik nicht ganz aus dem Metalcore-Sud heraussticht, habe ich sie einmal aus der folgenden Geschichte außen vor gelassen. Man muss nicht alles bewerten im Leben. Jedenfalls haben die Fans nicht mit den Füßen abgestimmt. Sie haben sich deren 5-Songs-Shows geduldig angeschaut, ab und an gemosht, gejubelt und gejohlt. Die Auftritte von "Iwrestledabearonce", "Horse The Band", "Architects und "Despised Icon" kamen Grenzerfahrungen außerhalb des üblichen Gesehenen erheblich näher. Aber lest selbst.


Eine bunt zusammen gewürfelte Truppe


Es war ein extremer Abend in jeder Hinsicht. Sowohl optisch als auch musikalisch. Zu den Gruppen, die alle Musikstile bunt zusammen würfeln, gehören an diesem ausverkauften Abend nur die amerikanischen Senkrechtstarter "Iwrestledabearonce" und "Horse The Band". Die anderen Gruppen spielen "Metalcore", ein brutaler Stilmix aus extremen Metal und Hardcore Punk. Wer sich jetzt wundert, wer all diesen Krawall aushält und anhört, wird noch mehr verwundert sein über den Altersdurchschnitt an diesem Abend: Vorwiegend Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren konsumieren diese zur Zeit angesagte Musik. Warum? Es ist nach Meinung vieler Anwesender die Mischung aus gesellschaftskritischen Texten, mit denen sie sich identifizieren, und der Musik. Hinzu kommt die Lebenseinstellung des Hardcore Punk, beziehungsweise ihrer Straight Edge - Bewegung. Ohne Alkohol und gegrilltes Fleisch lässt es sich auch feiern. Man nimmt keine Drogen, betreibt Sport und ist auf seine Lebensziele fokussiert. Trotzdem waren Grill und Bierstand hoch frequentiert.


An diesem Abend prangt auch an so manchem Fan der regenbogenfarbene Spruch "Metal just got gay", was soviel heißt, dass Heavy Metal angeblich nur die Schwulen abbekommen hatte. Eine kleine, doppeldeutige und nicht ganz politisch korrekt ausgedrückte Provokation der fünf Spaßvögel von "Iwrestledabearonce". Über diesen Inhalt  lieferrn auch die schrägen Typen "Horse The Band" eine passende Erklärung. Metalfans sind für sie langhaarige junge Männer, die Gruppen mit langen Haaren, Schminke und körperbetonten Klamotten anhimmeln und zudem unbeweibt sind und waren. Heavy Metal als bloße Pose und Gaukelei. Denn welche Frau lässt sich auf zottelige, übel duftende und geschmacklos gekleidete Männer ein? Stattdessen sieht der Gast heute so genannte "Playmobil-Frisuren", die wegen ihres kantig stufigen Schnitts so in der Szene genannt werden und bei Mann und Frau gleich beliebt sind. Handtäschlein tragende, mit jeder Menge Goldimitat beklebte und behängte sowie übergeschminkte Damen nutzen das proppevolle Konzert als Laufsteg. Hier geht der Geschmack auch seine ganz eigenen Wege.


Die, die mit dem Bären rangen


Was passiert, wenn Pop, Metal und Karnevalkostüm zur künstlerischen Aussage werden? Es verkauft sich. Die amerikanischen Crossover-Newcomer "Iwrestledabearonce" stellen mit ihrer zierlichen Frontfrau Krysta Cameron unter Beweis, was nicht bei Metal, aber in der Kunstszene denkbar ist:  eine brüllende und kreischende Frau, die im plüschigen Furby-Kostüm auf der Bühne wie eine Furie durchdreht sowie gleichzeitig mit ihrer glasklaren und fragilen Singstimme in die Pop-Sparte passen würde. Mit der um einige Härtegrade aufgemotzten Boxer-Hymne "The Final Countdown" der schwedischen Hardrocker "Europe" steigen die  kreisch- und springfreudigen Amis ein. 


Die zappelige Band macht mit ihrem umjubelten Auftritt die Ansage, dass sie sich um eine stilistische Einordnung ihrer Musik keinen Hehl machen. Auf ihrem bei Century Media erschienenem Debüt "It's all happening" quirlen sie auf wüste Art und Weise Elektro, Ambient, Metal, Hardcore Punk, Country, Jazz, Folk und avantgardistische Klänge, wie man sie von Björk und ähnliches kennt, zu einer für manchen unerträglich klingenden Soße zusammen. Die Fans feiern die junge Band als wären sie an diesem Abend Superstars. Sind Stücke wie "Taste Like Kevin Bacon" und "You Ain't No Family" quietschfidele Ergebnisse einer von ständigen Infos überreizten Internetgeneration?




Kann Geschmack Sünde sein?


Unangepasst sind auch "Horse The Band". Erst unlängst haben die "Nintendo-Core" spielenden Männer aus den USA mit "Desperate Living" ein Monument dieser neu aufkommenden Musikrichtung veröffentlicht. Klingt wie ein Computerspiel-Klang des ersten Atari-Rechners, auf dem Papis wütender Spross herum hämmert und dabei zornig schnauft.  Auf der Bühne zeigen sich die fünf Herren ganz im Stile von Siebziger Jahre Dandy-Boys. Oder frisch aus Bud Spencer-Filmen entstiegenen Gangstern.

Mit Pop mutiert Heavy Metal. Pelzmantel, Tapetenblümchenmuster auf dem aufgeknöpften Hemd und extremes Zusammenfallen von Mut und Hässlichkeit sind seh- und hörbare Merkmale ihrer Musik. Bei ihrem Auftritt kollabiert der herkömmliche Geschmackssinn. Gründe sind die optischen und musikalischen Reizüberflutungen, die diese Gruppe auf ihre Fans ergießt. Bewusst gegen den Strich bürsten "Horse The Band" Achtziger Pop, Computerspiele-Sounds, Metal und Hardcore-Punk in einer wüsten, fast schon unzugänglichen Mischung. Dafür werden die nun bereits halb nackten Herren gefeiert. An den zur Bühne brandenden Körpern und zum Sänger Nathan Winneke strebenden Armen sieht man den Enthusiasmus bei den Gästen. Während des langsam entgleisenden Auftritts springen auch permanent Fans von der Bühne in die brodelnde Menschenmenge um auf Händen getragen durch den Club zu "surfen". Ende vom Lied ist eine erschöpfte, aber glückliche Band.


Wir brauchen Bass


Dieses Bild setzt sich bei den Briten von "Architects" fort. Charakteristik dieser Gruppe: In jedem Lied verwenden sie Sub-Bässe, die dem Big Beat nicht ganz unähnlich sind. Durch das gleichzeitige Anschlagen der Bassdrum und mit der Hand entlang streichen am Gitarrenhals der Bassgitarre wird so ein Schockwellen artiges Beben erzeugt. Man möchte meinen, "Architects" sinnen eher auf den Abriss von Gebäuden als auf deren Aufbau. So pumpen die Tempowechsel besonders intensiv in die Mägen der Gäste, die das sichtlich genießen. Der permanent brüllende Frontmann Sam Carter freut sich über die  Reaktionen der Fans und lässt sie auch vor der Bühne im Kreis rennen, während unzählige Jugendliche auf die ohnehin schon übervolle Bühne klettern, um von ebenjener auf die Hände der hin und her wogenden Masse zu springen. Das machen sie, weil die "Crowdsurfer" durch den überhitzten Club getragen werden wollen. Pro Lied sind so mindestens zehn dieser jungen Frauen und Männer unterwegs um alle Ecken des Conne Island auszukundschaften. An ihren Freude strahlenden Gesichtern ist ablesbar, wie euphorisch sie dabei sind. Zu diesem Zeitpunkt erreicht das Konzert seinen Siedepunkt. Gerade weil die englischen Architekten innerhalb eines Jahres viermal in Leipzig und auf dem With Full Force auftraten? 


Goldig rappen tun die anderen



Ist Sport Mord? Langsam entwickelt sich das Konzert zum sportlichen Happening mit hohem Spaßfaktor. Die ebenfalls sehr tolerant klingenden Deathcore-Hip Hopper von "Despised Icon" muten gegenüber den vorher spielenden Bands sehr konventionell an.
"Despised Icon" haben aber mit dem Hip Hop als Stilmittel wenig zu tun, sie kleiden sich nur wie Rapper. Ab jetzt bestimmen schräg aufgesetzte Baseballmützen, goldene Ketten und quietschbunte T-Shirts die Szenerie. Zwei Frontmänner grunzen und quieken Problembewältigungen aus dem Alltag in die kochende Menge vor der Bühne. Mit den für Hip Hopper typischen Handbewegungen feuern die beiden ihre tobenden Fans zum Hüpfen an. Auch hier bricht die Stimmung aus und äußert sich in umher springende und surfende Fans, die mittlerweile verschwitzt und durchnässt sind. Eigentlich gelten "Despised Icon" mit ihrem verschachtelten Stilmix aus Death Metal und Hardcore Punk nicht als würdiger Headliner. Eine bekanntere Band wie es im letzten Jahr "Parkway Drive" oder "Unearth" waren, hat man dieses Jahr nicht gefunden. Den Fans störte das nicht, so dass sie den Abschlussauftritt der "Imperial Never Say Die!" - Tour in Deutschland ausgiebig feierten. Danach geht es nach Belgien, wo die Tournee am 21. November ihren endgültigen Abschluss findet.


Das heutige Beispiel zeigt, wie extrem Rockmusik geworden ist. Wo Szene-Außenseiter hier bereits ihre Geschmacksgrenzen ausloten, feiern die Kids den Soundtrack ihres Lebens. Früher war es "Happy Nation" der schwedischen Kleister-Popper von "Ace Of Base" oder ein Stück von U2, heute braucht es ganz andere Kaliber. Dass Toleranz ganz im Sinne der geschlechtlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau praktiziert wird, zeigen Beispiele wie die Sängerin Krysta Cameron, aber auch die Gitarristin der ebenfalls an diesem Abend aufgetretenen Metalcore-Gruppe "As Blood Runs Black" und eben die zahlreichen aufgetakelten, aber auch durch natürliche Schönheit glänzenden Frauen im Publikum. Dass auch Männer an diesem Abend Mut zur Buntheit und Farbe hatten, bewiesen die manchmal ziemlich abenteuerlich zusammen gestellten Outfits, die so mancher als "Schriller als in den Achtzigern" kommentierte.


Fotos von Philipp Halling


Höreindrücke und Infos zu den Gruppen Horse The Band, iwrestledabearonce, Architects und Despised Icon gibt es auf ihren offiziellen Webseiten. Auf Youtube gibt es auch Eindrücke von iwrestledabearonce ihrer aktuellen Tour. Videoclips von "iwrestledabearonce" sind auch auf Youtube.

Sonntag, 15. November 2009

Furiose Drehungen: DevilDriver und Behemoth begeistern Fans – Ein Erlebnisbericht

Der Sonntagmorgen ist idyllisch. Rote Morgendämmerung, Meisenzwitschern und Krähengeschrei begleiten meinen Spaziergang durch den nahegelegenen Clara-Zetkin-Park. Die herbstliche Luft ist rein und klar, dicke Enten tauchen nach Wasserpflanzen und ein Reiher schnappt sich im benachbarten Teich kleine Fische. Neuseenland im Clarapark, eine interessante Metapher. Aber ein Gedanke kommt auch wieder: Heavy Metal lässt Schädel brummen.

Was ist passiert? Eigentlich hätte es ein Arbeitsabend werden sollen, als ich am frühen Abend des 14. November an den dunklen Pforten des Hellraiser-Clubs klopfte. Selbstsicher wollte ich meine Akkreditierung entgegen nehmen, als mir die kurze Mitteilung gemacht wurde, „Es tut mir leid“. Ob Dir das leid tut wird sich noch zeigen, denke ich vergnatzt. Nun gut, arbeite ich eben investigativ und begebe mich mit einer Gruppe von Fans inkognito in die Hölle von Satan, Mosh Pit und Heavy Metal.

Mit Lederjacke und Kopfsocke bewaffnet treffe ich als erstes auch Stahlin, den Tresentiger vom Helheim, der auch in der Hellraiser-Crew heute Abend Getränke ausschenkt. Mit Handschlag ein Bierchen gezischt und über die Tatsache geschnackt, warum ausgerechnet die Amis von „DevilDriver“ den Headliner geben. „Die sind hier gar nicht so wichtig. Schau dir die T-Shirts an, überall Black Metal. Die Leute sind nur wegen Behemoth da“, erzählt mir Stahlin wissend. Auch der Veranstalter und einige Fans bestätigen diese Aussage. „DevilDriver … naja“.

Gut zu wissen, dass Polen näher an Deutschland liegt als Amerika. Aber spätestens seit Rammstein wissen wir, Amerika ist überall. Doch zuerst ist England an der Reihe. Denn die Jazz verliebten „Arsis“ kommen von daher. „Die ewige Vorgruppe“, steckt mir ein Fan aus Thüringen zu, „Eigentlich ganz gut, dass die als erstes spielen“. Ich weiß es aber besser, denn zuletzt hatte die Gruppe vor weniger Leuten gespielt und es war auch vor einem Jahr weniger Begeisterung in den Gesichtern der Anwesenden geschrieben. Heute ist das anders. Hier bejubeln die Fans jeden Song und jede Ansage. Inzwischen ist meine Gruppe wieder da und bringt Bierchen mit. „So ist das hier. Eine Band ein Bier, und in den Pausen nehmen wir noch eins mit“, erklärt mir einer. Schon klingen die Flaschen und so mancher wird diesen gläsernen Klang an diesem Abend öfter hören.

„Arsis“ veranstalten indessen einen Höllenlärm. Irgendwie stockt und ruckt der donnernde D-Zug-Klang in jeder Minute. Mal vor und zurück. Irgendwie spielen „Arsis“ 15 Songs innerhalb eines Stücks und das nach allen Seiten offen. Progressiv nennt man das in Fachkreisen, „Aha?“. Trotzdem zappeln ein paar zu den Technik verliebten Geballer wie verrückt. Sie sind vielleicht schon länger hier und haben bereits ein paar Biere intus. Die Begeisterung wird mir ein Rätsel bleiben, aber nicht so die Ansage, dass „Arsis“ gute Kopfhörermusik machen. Für die Couch gut, auf der Bühne trifft's nicht jeden Nerv.

Wie war das mit der Pause? O Nein, nicht schon wieder, denke ich als der nächste Flaschenpulk auf mich zu rast. „Ich habe doch noch meins von vorhin“, sage ich zu „Paule“, einem der jungen Fans. „Dein Pech, darfst halt nicht so viel quatschen“, spricht er und drückt mir die zweite Flasche in die Hand. Und dabei ist die Pause kurz, denn schon stehen die Techniker von der schwedischen Metalband „Scar Symmety“ auf der Bühne. Mann o Mann. Das kann ja was werden, denke ich noch, während das Saallicht verdunkelt wird.

Was jetzt kommt ist das, was Insider „cheesy“ nennen. Also das blanke Gegenteil der technoiden Freaks aus England. Nämlich eingängige Titel mit Sängerwechsel aus Growlen und klarem Gesang sowie nach vorne preschenden Doublebass-Attacken. Ein wenig „Kiss“ entdecke ich, nur ohne Maskerade. Aber auch die Geschichte des Heavy Metals wird in die Musik von „Scar Symmetry“ gepackt. Dort ein Solo, das an die weltweit größte Metalband „Iron Maiden“ erinnert, da eine Gesangslinie mit einem Erinnerungsschub an selige Pop-Metal-Zeiten der Achtziger. Nur der sterile Klang und der stetige Bleifuß lässt auf die Postmoderne des Heavy Metals schließen.

Zack, wieder zu viel gequatscht. Ein neues Bier umschließt meine Faust. „Also Jungs, jetzt macht mal Halt. Ich habe hier noch zwei einhalb“, beschwere ich mich bei den jungen Herren in Metalkutten und Nietengürteln. „Dann lass es bleiben, wir geben dir nichts mehr aus, Du Weichei“, antwortet der glatzköpfige Hüne mit der bunt bestickten Kutte. Nun stehe ich mit drei Bier da und weiß nicht mehr wohin.

Die Pause naht auch schon, aber immerhin habe ich meine Gruppe verloren und kann die Pause bierfrei durchstehen. Die Flaschen stelle ich beiseite. Was macht man noch so, wenn die Pause zwischen zwei Gruppen ins Endlose gähnt? Der gewissenhafte Fan spaziert zum Merchandising-Stand. Dieser Verkaufsstand, wo Leute sich mit den aktuellen T-Shirts der auftretenden Gruppen eindecken können ist wenig frequentiert. Woran liegt das? Die Motive sind doch schick, darauf ist alles, das ein Metallerherz begehrt; Blut in rauen Mengen, Knochen, Totenköpfe und die Schriftzüge aller Gruppen in allen erdenklichen Farben: Schwarz, weiß. Vielleicht noch etwas rot, um das Blut nachzuahmen, das arme Chinesinnen beim Nähen dieser Leibchen und Bedrucken hinterließen. „Viel zu teuer“, schimpft ein Gast. Warum, frage ich. Die Gruppen wollen doch auch was einnehmen. „Nee, nee“, meint der junge Mann, „Normalerweise kosten T-Shirts weniger im Handel. Hier kosten sie 20 Euro, die Kapuzenpullis 40. Das ist bei einem Eintrittspreis von 27 Euro und ein wenig Trinken hier einfach nicht mehr drin, wenn man Student ist. Dann hole ich mir so ein Shirt lieber im Internetshop. Da kostet es 5 Euro weniger. Die Veranstalter und Gruppen denken, man kann uns ausnehmen. Zumal hier kein Motiv ist, das irgendwie an diese Tour erinnert und etwas besonderes ist. Und die Bilder sind langweilig“. Warum sind die Motive langweilig, frage ich naiv, sind doch alle Klischees drauf, die man so kennt aus der Szene. „Eben“, sagt der Langhaarige und fügt hinzu, „Klischees ziehen nicht mehr. Das beschaffen sich doch nur Dorftrottel und Leute ohne Geschmack. Da laufe ich lieber ohne solchen Mist rum und trage schlichtes schwarz“.

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. „Behemoth“ bedeuten doch die absolute Verkörperung des Metalklischees mit ihrer aufgesetzten Attitüde gegen das Christentum. Jede Menge Septagramme, nein lieber Leser, keine Pentagramme gibt es bei ihnen. Natürlich aus silbern angemalten Pappmaché. Umgedrehte Kreuze und geschminkte Gesichter tun ihr übriges zum Auftreten der selbst ernannten satanischen Band. Wenn man noch in schwarz gefärbte Schweineschwarte gehüllt ist, also Leder und sich mit Ketten und Nieten behängt, sieht man besonders Furcht erregend aus. Aber auf die Musik kommt es an. Und da zeigt es sich bei dieser Gruppe, dass wirklich viele wegen „Behemoth“ gekommen sind. Der beflissene Fan brüllt ihre Lieder mit und gröhlt, fuchtelt mit Fäusten und Bierflaschen. Wirklich gefährlich. Man muss mehr auf seinen Körper achten als darauf, von den polnischen Antichristen bekehrt zu werden. Dabei schaffen sie es, alle für sich zu mobilisieren. Die Bandmitglieder steigen auf Podeste um größer zu wirken, wechseln sich mit dem tief gelegten Grunzen und Schreien ab. Sehr infernalisch. „Daimonos“ heißt ein Lied von ihnen, oder „Shemhamforash“ und „Ov Fire And The Void“. Damit will die Gruppe die Welt erobern. Böse und brutal zerlegen die vier das christliche Evangelium auf ihre Weise, nämlich textlich. „Evangelion“ heißt auch ihr neues Werk. Mitnichten marktradikale Thesen, aber Thesen gegen die katholische Kirche. Da bekomme ich ja richtig Angst.

Nun sollte ja der Gau kommen. Wenn alle nicht verstehen, warum „DevilDriver“ eines Headliners nicht würdig ist, dann sollte der Kritiker mal ganz genau hinschauen. Warum dreht sich ein riesiger Circle Pit und warum sieht plötzlich jemand auf mich herab, weil er auf den Händen der Fans surft? Auch auf meinen. Ich muss ihn natürlich auch stützen, dass der arme Mann nicht runterfällt. Und plötzlich befinde ich mich im Pit. Wie ich dahin gekommen bin, weiß ich nicht. Nur dass ich mich mitten unter die Arme und Beine fuchtelnden und dabei springenden Fans geraten bin. Ein Drehmoment aus dem ich so schnell nicht heraus komme. Dass ich nicht unter die Beine gerate, fuchtele ich mit. Dann springe ich an den Rand und begebe mich in Sicherheit. Dem Treiben schaue ich von sicherem Abstand lieber zu. Unterdessen spielen „DevilDriver“ jede Menge Thrash-Metal für die immer noch zahlreichen Fans. Keiner geht. War die Angst, dass die Leute früher gehen würden, weil „DevilDriver“ keinen Black Metal spielen, unbegründet? Mit Sicherheit. Denn so viele furiose Drehungen hab ich lange nicht gesehen. Und dass eine amerikanische Gruppe im Osten unserer Republik derart abräumt, hat keiner geglaubt. Gilt doch die USA als oberflächlich und deren Metal als nicht nachhaltig genug hierzulande, sagen die „Experten“. Aber Amerika ist überall, sagten schon Rammstein vor Jahren. Sogar im Hauptbahnhof, wo sich bei der anschließenden Fahrt in dem total verrückten Bus viele wiederfinden um einen anderen Amerikaner kennen zu lernen. Der mit den beiden laschen Brötchen und dem muffigen Fleisch drin.

Da haben es die schnatternden Enten im kalten Teich des Clara-Zetkin-Parks besser. Sie leben ruhiger, zanken sich ab und zu und watscheln behäbig durch das gehäufte Herbstlaub. Inzwischen hat der Reiher am Ufer des Teichs wieder ein Fischlein geschnappt und lacht innerlich den dicken Angler am anderen Ufer aus. Der wartet immer noch auf den großen Fang im kleinen Parkgewässer. Und wenn ich so nachdenke, dass der Abend im Hellraiser so toll für viele Fans gewesen sein muss, viele um 7 Uhr Morgens noch berauscht von Bier und Lärm im Dunkeln schlummern, gehe ich langsam zu meiner Wohnung zurück und genieße mein kleines Frühstück. Nichts ist schöner als ein gelungener Start in den Tag.


Fotos Philipp Halling