Der Sonntagmorgen ist idyllisch. Rote Morgendämmerung, Meisenzwitschern und Krähengeschrei begleiten meinen Spaziergang durch den nahegelegenen Clara-Zetkin-Park. Die herbstliche Luft ist rein und klar, dicke Enten tauchen nach Wasserpflanzen und ein Reiher schnappt sich im benachbarten Teich kleine Fische. Neuseenland im Clarapark, eine interessante Metapher. Aber ein Gedanke kommt auch wieder: Heavy Metal lässt Schädel brummen.
Was ist passiert? Eigentlich hätte es ein Arbeitsabend werden sollen, als ich am frühen Abend des 14. November an den dunklen Pforten des Hellraiser-Clubs klopfte. Selbstsicher wollte ich meine Akkreditierung entgegen nehmen, als mir die kurze Mitteilung gemacht wurde, „Es tut mir leid“. Ob Dir das leid tut wird sich noch zeigen, denke ich vergnatzt. Nun gut, arbeite ich eben investigativ und begebe mich mit einer Gruppe von Fans inkognito in die Hölle von Satan, Mosh Pit und Heavy Metal.
Mit Lederjacke und Kopfsocke bewaffnet treffe ich als erstes auch Stahlin, den Tresentiger vom Helheim, der auch in der Hellraiser-Crew heute Abend Getränke ausschenkt. Mit Handschlag ein Bierchen gezischt und über die Tatsache geschnackt, warum ausgerechnet die Amis von „DevilDriver“ den Headliner geben. „Die sind hier gar nicht so wichtig. Schau dir die T-Shirts an, überall Black Metal. Die Leute sind nur wegen Behemoth da“, erzählt mir Stahlin wissend. Auch der Veranstalter und einige Fans bestätigen diese Aussage. „DevilDriver … naja“.
Gut zu wissen, dass Polen näher an Deutschland liegt als Amerika. Aber spätestens seit Rammstein wissen wir, Amerika ist überall. Doch zuerst ist England an der Reihe. Denn die Jazz verliebten „Arsis“ kommen von daher. „Die ewige Vorgruppe“, steckt mir ein Fan aus Thüringen zu, „Eigentlich ganz gut, dass die als erstes spielen“. Ich weiß es aber besser, denn zuletzt hatte die Gruppe vor weniger Leuten gespielt und es war auch vor einem Jahr weniger Begeisterung in den Gesichtern der Anwesenden geschrieben. Heute ist das anders. Hier bejubeln die Fans jeden Song und jede Ansage. Inzwischen ist meine Gruppe wieder da und bringt Bierchen mit. „So ist das hier. Eine Band ein Bier, und in den Pausen nehmen wir noch eins mit“, erklärt mir einer. Schon klingen die Flaschen und so mancher wird diesen gläsernen Klang an diesem Abend öfter hören.
„Arsis“ veranstalten indessen einen Höllenlärm. Irgendwie stockt und ruckt der donnernde D-Zug-Klang in jeder Minute. Mal vor und zurück. Irgendwie spielen „Arsis“ 15 Songs innerhalb eines Stücks und das nach allen Seiten offen. Progressiv nennt man das in Fachkreisen, „Aha?“. Trotzdem zappeln ein paar zu den Technik verliebten Geballer wie verrückt. Sie sind vielleicht schon länger hier und haben bereits ein paar Biere intus. Die Begeisterung wird mir ein Rätsel bleiben, aber nicht so die Ansage, dass „Arsis“ gute Kopfhörermusik machen. Für die Couch gut, auf der Bühne trifft's nicht jeden Nerv.
Wie war das mit der Pause? O Nein, nicht schon wieder, denke ich als der nächste Flaschenpulk auf mich zu rast. „Ich habe doch noch meins von vorhin“, sage ich zu „Paule“, einem der jungen Fans. „Dein Pech, darfst halt nicht so viel quatschen“, spricht er und drückt mir die zweite Flasche in die Hand. Und dabei ist die Pause kurz, denn schon stehen die Techniker von der schwedischen Metalband „Scar Symmety“ auf der Bühne. Mann o Mann. Das kann ja was werden, denke ich noch, während das Saallicht verdunkelt wird.
Was jetzt kommt ist das, was Insider „cheesy“ nennen. Also das blanke Gegenteil der technoiden Freaks aus England. Nämlich eingängige Titel mit Sängerwechsel aus Growlen und klarem Gesang sowie nach vorne preschenden Doublebass-Attacken. Ein wenig „Kiss“ entdecke ich, nur ohne Maskerade. Aber auch die Geschichte des Heavy Metals wird in die Musik von „Scar Symmetry“ gepackt. Dort ein Solo, das an die weltweit größte Metalband „Iron Maiden“ erinnert, da eine Gesangslinie mit einem Erinnerungsschub an selige Pop-Metal-Zeiten der Achtziger. Nur der sterile Klang und der stetige Bleifuß lässt auf die Postmoderne des Heavy Metals schließen.
Zack, wieder zu viel gequatscht. Ein neues Bier umschließt meine Faust. „Also Jungs, jetzt macht mal Halt. Ich habe hier noch zwei einhalb“, beschwere ich mich bei den jungen Herren in Metalkutten und Nietengürteln. „Dann lass es bleiben, wir geben dir nichts mehr aus, Du Weichei“, antwortet der glatzköpfige Hüne mit der bunt bestickten Kutte. Nun stehe ich mit drei Bier da und weiß nicht mehr wohin.
Die Pause naht auch schon, aber immerhin habe ich meine Gruppe verloren und kann die Pause bierfrei durchstehen. Die Flaschen stelle ich beiseite. Was macht man noch so, wenn die Pause zwischen zwei Gruppen ins Endlose gähnt? Der gewissenhafte Fan spaziert zum Merchandising-Stand. Dieser Verkaufsstand, wo Leute sich mit den aktuellen T-Shirts der auftretenden Gruppen eindecken können ist wenig frequentiert. Woran liegt das? Die Motive sind doch schick, darauf ist alles, das ein Metallerherz begehrt; Blut in rauen Mengen, Knochen, Totenköpfe und die Schriftzüge aller Gruppen in allen erdenklichen Farben: Schwarz, weiß. Vielleicht noch etwas rot, um das Blut nachzuahmen, das arme Chinesinnen beim Nähen dieser Leibchen und Bedrucken hinterließen. „Viel zu teuer“, schimpft ein Gast. Warum, frage ich. Die Gruppen wollen doch auch was einnehmen. „Nee, nee“, meint der junge Mann, „Normalerweise kosten T-Shirts weniger im Handel. Hier kosten sie 20 Euro, die Kapuzenpullis 40. Das ist bei einem Eintrittspreis von 27 Euro und ein wenig Trinken hier einfach nicht mehr drin, wenn man Student ist. Dann hole ich mir so ein Shirt lieber im Internetshop. Da kostet es 5 Euro weniger. Die Veranstalter und Gruppen denken, man kann uns ausnehmen. Zumal hier kein Motiv ist, das irgendwie an diese Tour erinnert und etwas besonderes ist. Und die Bilder sind langweilig“. Warum sind die Motive langweilig, frage ich naiv, sind doch alle Klischees drauf, die man so kennt aus der Szene. „Eben“, sagt der Langhaarige und fügt hinzu, „Klischees ziehen nicht mehr. Das beschaffen sich doch nur Dorftrottel und Leute ohne Geschmack. Da laufe ich lieber ohne solchen Mist rum und trage schlichtes schwarz“.
Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. „Behemoth“ bedeuten doch die absolute Verkörperung des Metalklischees mit ihrer aufgesetzten Attitüde gegen das Christentum. Jede Menge Septagramme, nein lieber Leser, keine Pentagramme gibt es bei ihnen. Natürlich aus silbern angemalten Pappmaché. Umgedrehte Kreuze und geschminkte Gesichter tun ihr übriges zum Auftreten der selbst ernannten satanischen Band. Wenn man noch in schwarz gefärbte Schweineschwarte gehüllt ist, also Leder und sich mit Ketten und Nieten behängt, sieht man besonders Furcht erregend aus. Aber auf die Musik kommt es an. Und da zeigt es sich bei dieser Gruppe, dass wirklich viele wegen „Behemoth“ gekommen sind. Der beflissene Fan brüllt ihre Lieder mit und gröhlt, fuchtelt mit Fäusten und Bierflaschen. Wirklich gefährlich. Man muss mehr auf seinen Körper achten als darauf, von den polnischen Antichristen bekehrt zu werden. Dabei schaffen sie es, alle für sich zu mobilisieren. Die Bandmitglieder steigen auf Podeste um größer zu wirken, wechseln sich mit dem tief gelegten Grunzen und Schreien ab. Sehr infernalisch. „Daimonos“ heißt ein Lied von ihnen, oder „Shemhamforash“ und „Ov Fire And The Void“. Damit will die Gruppe die Welt erobern. Böse und brutal zerlegen die vier das christliche Evangelium auf ihre Weise, nämlich textlich. „Evangelion“ heißt auch ihr neues Werk. Mitnichten marktradikale Thesen, aber Thesen gegen die katholische Kirche. Da bekomme ich ja richtig Angst.
Nun sollte ja der Gau kommen. Wenn alle nicht verstehen, warum „DevilDriver“ eines Headliners nicht würdig ist, dann sollte der Kritiker mal ganz genau hinschauen. Warum dreht sich ein riesiger Circle Pit und warum sieht plötzlich jemand auf mich herab, weil er auf den Händen der Fans surft? Auch auf meinen. Ich muss ihn natürlich auch stützen, dass der arme Mann nicht runterfällt. Und plötzlich befinde ich mich im Pit. Wie ich dahin gekommen bin, weiß ich nicht. Nur dass ich mich mitten unter die Arme und Beine fuchtelnden und dabei springenden Fans geraten bin. Ein Drehmoment aus dem ich so schnell nicht heraus komme. Dass ich nicht unter die Beine gerate, fuchtele ich mit. Dann springe ich an den Rand und begebe mich in Sicherheit. Dem Treiben schaue ich von sicherem Abstand lieber zu. Unterdessen spielen „DevilDriver“ jede Menge Thrash-Metal für die immer noch zahlreichen Fans. Keiner geht. War die Angst, dass die Leute früher gehen würden, weil „DevilDriver“ keinen Black Metal spielen, unbegründet? Mit Sicherheit. Denn so viele furiose Drehungen hab ich lange nicht gesehen. Und dass eine amerikanische Gruppe im Osten unserer Republik derart abräumt, hat keiner geglaubt. Gilt doch die USA als oberflächlich und deren Metal als nicht nachhaltig genug hierzulande, sagen die „Experten“. Aber Amerika ist überall, sagten schon Rammstein vor Jahren. Sogar im Hauptbahnhof, wo sich bei der anschließenden Fahrt in dem total verrückten Bus viele wiederfinden um einen anderen Amerikaner kennen zu lernen. Der mit den beiden laschen Brötchen und dem muffigen Fleisch drin.
Da haben es die schnatternden Enten im kalten Teich des Clara-Zetkin-Parks besser. Sie leben ruhiger, zanken sich ab und zu und watscheln behäbig durch das gehäufte Herbstlaub. Inzwischen hat der Reiher am Ufer des Teichs wieder ein Fischlein geschnappt und lacht innerlich den dicken Angler am anderen Ufer aus. Der wartet immer noch auf den großen Fang im kleinen Parkgewässer. Und wenn ich so nachdenke, dass der Abend im Hellraiser so toll für viele Fans gewesen sein muss, viele um 7 Uhr Morgens noch berauscht von Bier und Lärm im Dunkeln schlummern, gehe ich langsam zu meiner Wohnung zurück und genieße mein kleines Frühstück. Nichts ist schöner als ein gelungener Start in den Tag.
Fotos Philipp Halling
Fotos Philipp Halling
mittel.jpeg)
gro%C3%9F.jpeg)
mittel.jpeg)
gro%C3%9F.jpeg)
mittel.jpeg)

