
Punkrock ist irgendwie ein Phänomen. Mitten in der Woche tingelt eine Tournee mit vier Punkrock-Gruppen durch Leipzig und das Werk II ist voll. Wo andere Veranstalter wegen sinkender Zuschauerzahlen um ihre Existenz zittern, klingelte am 27. Oktober im Werk II die Kasse.
Schon vor der Einlasszeit um halb acht stand eine beachtliche Menge von Fans vor der Halle A. Zwar verliert sich die Menschenmenge in den tiefen Weiten der Veranstaltungshalle, aber es rücken kontinuierlich neue Fans nach. So dass schätzungsweise um die 600 Menschen ihr Konzert mit den vier Gruppen genießen. So soll es nach Aussage eines Tourtross-Mitarbeiters auch in Berlin gewesen sein. Ein Fan aus Schleiz freut sich auf „Alexisonfire“, „Die Band hat es einfach drauf“, sagt begeistert der junge Mann. Doch als er erfährt, dass er „The Ghost Of A Thousand“ und „Four Year Strong“ verpasst hat, war er überrascht aber nicht verstimmt, „Wann ging das hier los?“, fragt er. Für ihn war 19:30 Uhr definitiv zu früh und mutmaßte, „Da haben die mit der Show richtig pünktlich angefangen“.
Da hat er was verpasst, denn der Sänger von „Four Year Strong“ sprang mitten in der Show in die Menge und brüllte umringt von pogenden Fans zwei ganze Lieder. Auch bei dem Rest ihrer Show kletterte er auf den Absperrungen herum und animierte die Fans zu einer zaghaften „Wall Of Death“. Hier stehen sich zwei Menschengruppen gegenüber, die dann auf Zeichen der Band wartend aufeinander zu rennen und wild mit Armen und Beinen um sich schlagen. Pogen eben. Auch der Bassist von „Four Year Strong“ machte es seinem Sänger nach und sprang vom Schlagzeug in die Luft und landete sicher auf seinen Füßen.
Nach unserer Unterhaltung verschwindet der junge Fan aus Schleiz mit seinen Freunden in der wartenden und stehenden Menge, weil „Alexisonfire“ mit ihrem Auftritt beginnen. Bei ihrem Konzert werden sowohl die recht brachialen frühen Stücke gefeiert, aber auch die neuen Lieder ihres erfolgreichen und fast schon Hit verdächtigen Albums „Old Crows Young Cardinals“.

Auch die Headliner „Antiflag“ räumen allen Anschein gehörig ab. Fans aus Dresden rufen begeistert, „Das Konzert ist richtig toll!“, und schwenken ihre Arme zu Hits wie das mitreißende „War Sucks“ in der Luft. „Antiflag“ spielen seit 20 Jahren Polit-Punk. Das beweist auch die schwarze Hintergrundbeflaggung, die als Backdrop dient. Darauf ist ein aus zerbrochenen Maschinengewehren bestehender weißer Stern abgebildet. Leadsänger Justin Sane ruft in die Menge „Leipzig is great“. Die Menge johlt. Den Fans gefällt die ihren Vorstellungen nach mitreißende Show, doch man sieht außer Gucken und Klatschen keine großen Regungen. Das ist ungewöhnlich. So verkommt das Konzert zu einer großen Stehparty, bei der es keinen Unterschied gemacht hätte, ob vorne eine DVD abgespielt wird oder sich eine Band verausgabt. Doch es gibt auch weitere Fragen an die Tour. Zwar handelt es sich bei den Bands um handwerklich gute Gruppen. Doch wegen der stilistischen Ähnlichkeiten fragt sich der Außenseiter, „Wer ist das? Wer spielt jetzt?“. Dafür bekommen alle Gruppen eine ausreichende und faire Spielzeit. Der Reiz des Unbekannten verfliegt aber nach drei vier Songs. Bei „The Ghost And The Thousand“, fragen sich manche, warum sie zwei Sänger haben, wenn sie die selbe Stimmlage besitzen und warum sieht der Schlagzeuger von „Four Year Strong“ aus wie Willy DeVille?
Den Fans kümmert es nicht, auch der thüringische Fan fragt sich nicht, warum er für zwei Bands den vollen Eintrittspreis bezahlt hat. Er findet eben auch „Alles toll!“.
Fotos von Philipp Halling
Fotos von Philipp Halling
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