Samstag, 19. Juni 2010

Periphery: Periphery

Metalbands gibt es wie Sand am Meer. Schwer genug den Überblick zu behalten, für Fans und Bands. Nun versucht "Periphery" ihr Glück. Unlängst haben sie ihr gleichnamiges Debüt veröffentlicht. Was für Musik erwartet den geneigten Hörer? 

Innerhalb des schier unübersichtlichen Meeres aus aggressiv rockenden Gruppen heraus zu ragen ist keine leichte Sache. Auch für "Periphery" nicht. Deswegen versuchen sie möglichst progressiv und abwechslungsreich zu klingen. Da werden pro Stück gleich drei unterschiedliche Stile und Songs rein gepackt. Ist auch nicht schlimm, weil "Between The Buried And Me" und andere Gruppen das auch machen. Aber "Periphery" machen einen Fehler. Sie knüpfen die lose aneinander gelegten Fäden nicht zusammen. Dadurch wirkt die heftig dröhnende Musik zusammenhanglos. In Sachen Harmonien und Riffs unterscheidet sich "Periphery" nicht besonders groß von "Mnemic" und "Meshuggah". Das macht die Musik und somit auch das Album austauschbar. Auch wenn "Periphery" alles etwas anders machen. In der Regel klingt das vorliegende Debüt zu sehr nach Meshuggah. 

Dem Sänger fehlt die gehörige Portion Druck in der Kehle, um wirklich krank zu klingen Wenn er dann seine klare Stimme auspackt muss er zum Harmonizer greifen. Also das Ding, was amerikanische R'n'B- und Boygroup-Stars verwenden, das die klare Stimme so komisch verzerren lässt. Wenn er dann doch mit seiner echten Stimme um sich wirft, hat man den Eindruck, dass er manchmal die Töne nicht richtig trifft. Oder sie so rauspresst, dass nur komische kehlige Laute anklingen, die vor allem nerven. Und was sollen die elektronischen Klänge, die ich eher bei Björk und Co. hören will, aber nicht bei einer Metalband? 

Ich persönlich weiß nicht, ob das Album in zwei bis drei Jahren noch jemand anpackt. "Periphery" beweisen zwar eindrucksvoll, dass sie etwas von ihrem Handwerk verstehen. Aber sie stehen noch zu sehr unter der Fuchtel der Nachahmerei. Und das, was sie anders angehen wie ihre Vorbilder von "Meshuggah", lässt die Scheibe auch nicht überzeugend im Licht der Kritik und Skepsis aussehen. Schade um die Zeit, um das Geld und so vieles mehr. Da nützt auch der sehr gute Sound nichts.

Album: Periphery
VÖ: Bereits erschienen
Label: Roadrunner Records

Ozzy Osbourne: Scream

John ist schon immer der Entertainer gewesen. Ob in der Kneipe oder auf der Bühne; John Michael Osbourne zieht immer alle Blicke auf sich. Und weil John immer so ein lässiger und lustiger Knabe war, bekam er den Spitznamen "Ozzy". Und Ozzy Osbourne macht seit den späten Sechzigern Musik. Dunkle Musik, wie eh und je. "Scream" heißt sein neues Werk, das am 18. Juni in die deutschen Kaufhäuser gestellt wurde.

Mit der britischen Schwermetallband Black Sabbath konnte Ozzy Osbourne dem tristen Industriealltag aus Kneipe, Knast und Gelegenheitsjobs entfliehen. Mit Toni Iommi, Geezer Butler und Bill Ward eroberte Ozzy die Musikwelt mit dem neuartigen Klang aus Blues, Rock und schweren Gitarren. So schwer, dass die Band als Initiator des "Heavy Metal" gilt und für viele heutige Bands immer noch Vorbild ist.

Nach vielen Erfolgsalben, noch mehr Drogen und Alkohol war für Ozzy Ende der Siebziger der Ofen aus bei Black Sabbath. Er musste den Platz am Mikroständer dem inzwischen an Magenkrebs verstorbenen Ausnahmesänger Ronnie James Dio räumen. Seitdem macht Ozzy Osbourne sich als Solosänger einen Namen. Und das macht er seit 1980 äußerst erfolgreich. Alben wie "Blizzard Of Ozz", "Diary Of A Madman" und "No More Tears" gelten noch heute als Klassiker. Selbst der "Madman" und "Prince Of Darkness" hat manchmal Mühe, an diese Scheiben heran zu reichen. Doch irgendwie schafft das ewige Stehaufmännchen des Rock'n'Roll seine Fans mit seinen Werken zu überzeugen. Ob an seinem neuesten Werk "Scream" etwas dran ist?

Als Einstand für seinen neuen Silberling hat sich Ozzy schon mal in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett gesetzt und fleißig Leute erschreckt. Mit dem kindischen Spaß brachte er viele Leute zum Schreien. "Scream" heißt auch sein neues Werk. "Soul Sucka" sollte es ursprünglich heißen. Aber die Fans empfanden es wohl zu einfallslos. Doch der Track ist immerhin noch als Überbleibsel für dieses Namensvorhaben übrig. Aber wie ist die Musik von "Scream"?

Nach 1995 und dem Überwerk "Ozzmosis" ist 2010 wieder einmal Zakk Wylde nicht mehr dabei. Da Zakk in den letzten Jahren maßgeblich am Songwriting von Ozzys Alben beteiligt war und er es diesmal nicht ist, sind natürlich alle gespannt, wie das Ergebnis klingen wird. Egal, was man von "Black Rain" und "Down To Earth" halten mag.

Schon beim Einstieg "Let It Die" pumpt der Bass ordentlich in die Magengegend. Darin zählt Ozzy all die Attribute auf, die für ihn zutreffen. Zumindest das Bild, was durch ihn und durch die Medien vermittelt wird. "Let it die" ist sein abschließendes Fazit bei diesem eingängigen Ohrwurm, der auch auf "Ozzmosis" oder "No More Tears" Platz gefunden hätte. Auch bei "Let Me Hear You Scream" geht der alte Mann ganz jugendlich ran, als wären die letzten zwanzig Jahre von "No Rest For The Wicked" und "No More Tears" erst vorgestern geschehen. Soll heißen, Ozzy klingt frischer und feuriger als auf seinen letzten beiden Werken. 

Der neue Gitarrist Gus G. macht seine Arbeit grandios, bringt das nötige Feuer ein. Auch wenn Zakk Wylde stilistisch überall hervorlugt. Aber das ist egal bei dem hohen Spaßfaktor dieser Scheibe, die bei "Soul Sucker" die blecherne "Iron Man"-Stimme auspackt. Überall sind wieder die gelungenen Refrains, die man auf "No More Tears" so liebte. Woher Ozzy mit seinen 62 Lenzen die Power hernimmt und in seine Stimme auch eine gehörige Portion Variabilität neben seinen typischen Greinen reinpackt, kann sich nur medikamentös erklären. Oder der Mann ist einfach nur gut drauf. Ich glaube eher, das liegt am Produzenten Kevin Churko, der am Album mit geschrieben haben soll. Schon bei dem Vorgängeralbum "Black Rain" übte sich Churko bei zwei Stücken noch etwas unauffällig als Co-Songwriter. Jetzt scheint die Liaison gelungen.

Selbst bei "ruhigen" Stücken wie "Life Won't Wait" und "Crucify" kommt keine kitschige Feuerzeugschwenk-Stimmung auf. Im Gegenteil. In "Time" dürfen dann doch noch alle ihre Taschentücher auspacken. So schön kann Weinen mit Ozzy sein. Der Madman ist trotz seiner rotzig in Musik gegossenen Attacken ein Typ, der mit Alters- und Lebensweisheiten um sich wirft. Und er kann auch noch "düster". Das grantige Doomstück "Diggin' Me Down" ist so unglaublich heavy, dass so mancher Jungspund seine raus laufende Spucke vor Staunen zurück schniefen muss. Und überall sind auf "Scream" keine Ausfallerscheinungen in Sachen Songwriting erkennbar! Wunder geschehen doch noch! 

Irgendwie beschleicht mich gerade bei diesem Album, dass Ozzy sein bis dato persönlichstes Werk geschrieben hat und uns allen etwas auf den Weg geben will. Spätestens wenn er bei seinem letzten "Lied" liebevoll und zärtlich "I Love you All" sagt, scheint irgendwie Abschiedsstimmung auf zu kommen. Aber wie hat Ozzy schon vor zwanzig Jahren postuliert? "Retirement Sucks!" In diesem Sinn! Weitere sechzig Jahre werden es nicht, auch keine zwanzig oder zehn. Ozzy, wir haben auch dich lieb. Vor allem, wenn Du bei uns bist und bald auf Tour kommst. Falls nicht, dann ist "Scream" dein jugendliches Alterswerk. Voller Weisheit, Einfallsreichtum und all dem, was Ozzy-Fans an Ozzy lieben. Nämlich pures Entertainment."Scream" ist ein Knüller! Hut ab!

Album: Scream
VÖ. 18. Juni 2010
Label: Sony BMG

Donnerstag, 27. Mai 2010

Neue WGT-Linie: Die wunderliche Reise mit der Linie 31

Müde versunken wiegen Schwarzröcke in der Nacht zum Samstag im steten Takt der schaukelnden Tatra-Bimmel. Die Linie 31 verbindet das agra-gelände mit der Innenstadt, indem sie von der Karl-Liebknecht-Straße Richtung Tabaksmühle abbiegt und dann zu den Tierkliniken einschwenkt. So dass alle auseinander liegenden Locations miteinander verbunden werden und keiner laufen muss.

Ab diesem Jahr wird die Straßenbahnlinie 11 zum WGT durch die Sonderlinie 31 verstärkt. Diese verkehrt zwischen Hauptbahnhof und Straßenbahnhof Dölitz über Augustusplatz zum Wilhelm-Leuschner-Platz, weiter zur Haltestelle Bayrischer Bahnhof und dann bis zur Haltestelle "An den Tierkliniken". Anschließend verkehrt die Straßenbahn über Zwickauer Straße, Richard-Lehmann-Straße und Karl-Liebknecht-Straße zur Haltestelle Connewitz, Kreuz und dann weiter zum Straßenbahnhof Dölitz. Was auf der neuen Strecke so passieren kann, weiß keiner so richtig. Erzählen sich später vielleicht Fahrgäste von der wundersamen nächtlichen Reise mit der Linie 31. Denn offenbar scheint nicht jedem bekannt zu sein, wohin die neue WGT - Bimmel führt. Und offensichtlich gibt es hier auch etwas zu erleben.

"Fährt die Straßenbahn über den Augustusplatz?", fragt eine junge Frau einen schwarz gekleideten Fahrgast mit Kapuzenjacke und Schlips. Sie schwenkt eine Lache Bier in der von ihrer Faust aufgewärmten Flasche. "Sicher. Alle Wege führen in die City." entgegnet müde der Fahrgast und nestelt nervös sein Festivalbändchen. Sie scheint seiner Antwort zu vertrauen. Wenig später steigt die Dame mit ihrer Freundin in den hinteren Waggon, weil dort noch Sitzplätze frei sind. 

Eine Haltestelle später steigt ein Punk mit seiner Liebsten ein. Sichtlich unsicher schwankt er auf dem wackelnden Boden. Bierfahne. "Fahrkartenkontrolle!", ruft er in den halb gefüllten Wagen, lacht und schiebt sich an einen Einzelgänger in der hinteren Wagennische an. "Du bist wohl der Eckenwart hier, hää?", fragt er lallend grinsend er zu dem jungen Mann. "Sozusagen.", murmelt er unsicher ins Leere. "Hey!!!", ruft der Punk mit dem roten Irokesenschnitt in die Bimmel, "Wo sind eure Fahrausweise. Ihr seid wohl alle Schwarzfahrer?", kichert er über seinen schrägen Witz. Ihn schauen zwanzig Augenpaare an. "Guck mal die, dieser Wabbel da vorne mit den Netzstrumpfhosen.", rempelt er den in der Nische stehenden Schlipsträger an. "Sieht das zum speien aus." Der Getroffene ist sichtlich unwohl mit seinem neuen Nachbar an seiner Seite. "Wem es gefällt", antwortet einsilbig der Genervte. "Hey, was nimmst Du denn für Drogen?", fragt ungeduldig der bunte Mann in der zerschlissenen Jeans. Seine Zähne blitzen braungelb und stumpf glänzend aus dem feixenden Gesicht. Der unfreiwillige Gesprächspartner sagt: "Keine." 

Staunen beim Gegenüber. "Aber wenigsten Alk ohne Ende. Schalalala!" - "Nö." Es herrscht kurze Zeit Stille in der Wagenecke. "Ahhh, verstehe. Aber nächste Woche auf der Wiese rumliegen. Gesicht in der Sonne. Hahahaha." Dann wendet sich der Punk torkelnd anderen Gesprächspartnern zu. "Wohin gehts?" - "Wissen wir nicht. Mal sehen, wohin uns die Bahn trägt." - "Hmm. Ihr wisst nicht, was ihr macht hier?", fragt der langsam aufwachende Mann mit der bunten Frisur. "Komm", sagt er zu seiner Freundin, "ich habe genug von der Bande. Haun wir ab!", drückt den Türknopf und steigt wankend aus.

Inzwischen steigen auch Schwarzkittel aus, nachdem die ruckende Bimmel quietschend von der "Karli" abgebogen war. Wahrscheinlich vertrauen sie der Linie 31 nicht so ganz und wollen auf der ihnen vertrauten Strecke bleiben. Kein Wunder, werden sie auch in der Bahn nicht auf die neue Streckenführung hingewiesen. Nur die Haltestellenanzeige blinkt auf. Kein Plakat oder Zettel, auch kein Plan wird in der Tram den meist ausländischen Gästen angeboten. Abseits der normalen Streckenführung fühlen sie die "Gruftis" dann auch teils hilflos, teils amüsiert den Widrigkeiten der nächtlichen Fahrt ausgeliefert.

In der nächsten Haltestelle kurz vor den Tierkliniken steigen drei junge Männer mit mehreren Basecaps auf den Köpfen zu. "Ya Man! Ya Man!", rufen sie in die Bahn, den schwarzen Haufen ignorierend. Sie turnen am Gestänge herum, haben ihren Gleichgewichtssinn nicht in Beherrschung, torkeln absichtlich unabsichtlich gegen stehende Schwarzkittel. "Gotenschubsen", nennen sie das. Die Fahrgäste beobachten die seltsame Szene. Die drei Männer springen zum Klappfenster. "Sieh mal, wer das Feuer dort wohl nur gelegt hat?", lallt der eine. Sie lachen und nicken sich wissend zu. Sie freuen sich über das flackernde Feuerchen auf dem schmalen Grünstreifen in der Nähe der Alten Messe. "Ya Man! Ya Man! Ya Man!" Wie kleine Äffchen hangeln sich die Typen am grauen Gestänge entlang. Der eine macht Anstalten, etwas aus seiner Tasche zu holen. Der grüne Filzschreiber wird unsicher über die Innenwände und Scheiben geführt. Krikelkrakel, das wie Schriftzüge erinnert. 

Nun steigt der eine Kompagnon plötzlich aus. Aufmerksame Beobachter sehen ihn jetzt an der Haltestelle mit einem Prinzesschen in schwarzen Rüschen aufgeregt reden. Seine beiden Kumpel scheinen das nicht mitzukriegen. Einer stellt sich auf dem Boden liegend tot. Er grinst dabei. Scheinbar findet er das lustig. Sein Kumpan versucht ihn aufzuhelfen. "Komm schon, Sebastian ist weg." - "Was?". Anscheinend wieder nüchtern geworden erhebt sich der Basecap-Träger unsicher. Beide reißen die Türe auf: "Hey, Ya Man! Hallo Ya Man!!", rufen beide. "Steig wieder ein!" Sebastian macht keine Anstalten einzusteigen, er flirtet mit dem Mädchen. "Wo is`n der Stift? Hast Du einen Stift einstecken?", fragt der junge Mann den Fahrgast in der Ecke. "Nein, ich habe keinen dabei." antwortet dieser während ihm ein Kugelschreiber am orangefarbenen Band am Hals hin und her baumelt, das ihn offenbar als einen Vertreter der schreibenden Zunft ausweist. "'Ne Zigarette?" - "Ich rauche nicht, Sorry.", grinst der Angesprochene zurück. Am Bayrischen Platz reißen beide die Türen auf. Die Haltestelle ist noch nicht erreicht. "Ya Man! Ya Man" schallt es in die Nacht.

In Leipzig muss sich niemand verfransen. Hilfreich ist wohl, dass die LVB separat zum Treffen mit Flyern auf die neue Linienführung zum WGT hinweist. Oder mit der Treffenleitung vereinbart, einen extra für das Treffen herausgegebenen Fahrplan mit den eingezeichneten Streckenführungen an die Besucher herausgibt. Service kann man manchmal so einfach ein.

Mittwoch, 24. Februar 2010

Germanische Mythen und Metal: Black Sabbath - "Tyr"

Zähfließende Riffs, Lava-Klänge, pulsierend schleppender Bass. Die finstere Mischung aus Blues, schrubbenden Akkorden und klagender Gesang hat die Rockzene belebt. Fortan war Heavy Metal Bestandteil der Musik. Seit Black Sabbath und den Beginn der Siebziger. Flower Power ist nicht mehr.

Wilkommen in der Realität. Mit Ozzy hatte Black Sabbath einen Texter, der sich mit Umweltzerstörung, mit sich selbst und Kriegen beschäftigte. Doch nach dem Bruch mit dem charismatischen Sänger während der "Never Say Die"-Tour 1978 orientierte sich Black Sabbath neu um. 

Willkommen in den Achtzigern. Das hieß kommerzieller Hardrock, Mythen, Hexen und Teufel. Und Ronnie James Dio. Nur für zwei Alben lang. Gitarrist suchte nach dem Weggang von Dio neue Lösungen. Fand Ian Gillan von Deep Purple. "Born Again" war nichts. So musste Tony Martin ran. Bislang unbekannt, sang der Falsett-Sänger Alben wie "Eternol Idol", "Headless Cross", "Cross Purposes" und "Forbidden" ein. Und eben die germanische Mythen-Saga "Tyr". 

Das war 1990, mitten im Umbruch der Metalszene. Death Metal kam auf. Thrash Metal starb langsam ab. Es blubberten bunte Metalbands auf, die Jane's Addiction, Faith No More und Red Hot Chili Peppers heißen. Und irgendwie doch nicht Metal waren. Mitten drin im durcheinander gewürfelten Musikgelage, stellt sich "Tyr" breitbeinig hin und sagt: "Ich höre mich zwar nach schnödem Achtziger Hardrock an, schnulze mich mit 'Feels Good To Me' in die Hard Rock-Charts, habe einen ziemlich guten Sänger am Start, doch habe ich den Anspruch eine Art Konzept drumherum zu weben. Nämlich Walhalla aufzuleben, und die Kreuzzüge. denn Irgendwie waren ja die christianisierten Franken auch noch germanisch. Kriegerisch eben. Viele haben auch geschrieben, dass sogar die Gotik als Bau- und Kunststil irgendwie germanisch ist, die Kathedralen alten Thing-Plätzen nachempfunden waren. Warum soll ich nicht ein antiquiert klingendes Album darüber schreiben? Das Thema wurde bis jetzt fast gar nicht behandelt. Also erheben wir den Anspruch, die ersten zu sein. Auch wenn wir alles durcheinander werfen. All diese Pagan-Metal-Jungs bereiten im Prinzip unser Thema auf, nur mit schlechteren Texten und schlechterer Musik. Nicht solche erhabenen Kompositionen, wo Tonis Gitarre immer noch so brettert, wie zu 'Paranoid' und die Trommeln ordentlich rumpeln. Eben  wegen den leider bereits verstorbenen Cozy Powell, dem wahren 'Thor an den Trommeln'. Der andere von der Suppenkasper-Gruppe Manowar hat sowieso nichts drauf."

Sprachs und zieht hitverdächtige Granaten wie "Heaven In Black", "The Sabbath Stones", "Jerusalem" und "Feels Good To Me" aus der ledernen Tasche. Black Sabbath haben in den Achtzigern und neunzigern ihr von Ozzy geprägtes Stimmungsbild verloren, doch die Kompositionen sind gerade auf "Tyr" ausgereift und ohne Schnörkel auf den Punkt gebracht. Eigentlich ist Black Sabbath hier eine komplett andere Band, die mit "Tyr" eine beachtliche Aufwärtskurve in ihre gebrochene Geschichte vorweisen kann. Und Black Sabbath behandeln ein Thema völlig ohne Pathos und Verklärung. Hier erzählt Sänger Tony Martin viele kleine Geschichten um die Christianisierung und Kreuzzüge im Mittelalter. Ein wenig klingen die germanisch-heidnischen Wurzeln der Geschichten an. Doch hier wird keine Hasstirade auf jetzt lebende Priester abgelassen, oder Sauflieder feil geboten.

Erschienen: August 1990

Spielzeit: 39:58

Tracklist:

1. Anno Mundi
2. The Law Maker
3. Jerusalem
4. The Sabbath Stones
5. The Battle Of Tyr
6. Odin's Court
7. Valhalla
8. Feels Good To Me
9. Heaven In Black

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Samstag, 6. Februar 2010

Jazz ganz anders: "The Great Misdirect" von Between The Buried and Me erhellt den Geist

Es ist am Anfang der große Überblick. das Gefühl, die Sonne steht orangefarben scheinend über den Horizont. Ein Bass blubbert jazzig aus der Ferne, eine Gitarre seufzt, Gesang trägt elegisch eine Ballade vor. Dann schlagartiger Szenenwechsel im Sekundentakt, gewittrige Wolken ziehen über die Idylle auf. Die amerikanische Mathcore-Band Between The Buried And Me definieren mit ihrem 2009 erschienenem Album "The Great Misdirect" Musik als ewigen fließenden Klangstrom.

Einstieg auf Platz 36 in den US-Charts bei einer so extrem vielfältigen und eigentlichen Chart untauglichen Musik, weltweit sich vor Lobpreisungen überschlagende Reviews, .... Pink Floyd des Metal und Hardcore Punk. Die Musikanten um Sänger Tommy Rogers spulen kein übliches Metalprogramm ab. Hier gibt es keine Schlager-Peinlichkeiten a la Manowar & Co. Hier schreddern auch keine Hänflinge entblödete Riffs und kucken böse in der Gegend herum. Mit den Gitarristen Paul Waggoner, Dustie Waring, dem Bassisten Dan Briggs und Schlagwerker Blake Richardson hat sich Sänger Tommy Rogers Leute ins Boot geholt, die von Fach sind. Die Rhythmussektion lässt sich von Jazz, Progressive Rock, Metal und Blues gleichermaßen beeinflussen. Rogers pendelt zwischen brutalen Hardcore-Shouts und hohem Falsett, erzählt stimmungsvolle Geschichten. Das instrumentale Fundament schillert in allen Farben, Stimmungsmeere von Skalen und wilden Taktfolgen stürmen auf den Hörer ein. Dann schlagartige Ruhe. Fließende Übergänge, die Songs verlieren ihren individuellen Charakter. Keine Hits. Nur das Aufblitzen von unglaublich dicht erzählten und gestrickten Momenten der befreienden Klarheit, dann des stickigem Dickichts aus Angst und Wut.

Das fünfte Studioalbum von Between The Buried And Me ist keine Veröffentlichung, die sich einem sofort erschließt. Für die mitunter zehnminütigen Erzählungen der sechs Titel braucht man Zeit. Vergleiche mit dem Vorgängeralbum "Colors" tun sich auf. Wo "Colors" auf dem ersten Blick mutiger, krasser und vielleicht auch schroffer zu Werke ging, erscheint "The Great Misdirect" flüssiger, weniger dynamisch und ausgereifter. Man hört, dass sich die Musiker entwickelt haben und sich nicht einfach auf herkömmliche Songstrukturen beschränken. Das kann auf der einen Seite für manche erfrischend, erhellend sein. Für andere ist "The Great Misdirect" ein zugangsloses Stück Jazz.

Das Album wurde am 27. Oktober 2009 via Victory Records veröffentlicht.

Spieldauer: 59:34 Minuten

Tracklist:


1."Mirrors"  3:38
2."Obfuscation"  9:15
3."Disease, Injury, Madness"  11:03
4."Fossil Genera - A Feed from Cloud Mountain"  12:11
5."Desert of Song"  5:34
6."Swim to the Moon"  17:54



Mehr Infos unter BTBAM-Myspace

Freitag, 5. Februar 2010

Technoider Pop: Mnemic jonglieren mit Systemen

Poppige Gesangsharmonien verschmelzen mit schwebenden Halleffekten und bassigen Rhythmen zu einer Metalllegierung. Geht nicht? Doch. Nachdem die schwedischen Berufsverrückten von Meshuggah bewiesen hatten, dass Metal keine tragisch geheulte Einheitssoße sein muss, sondern durchdachten Anspruch hat, treten immer mehr Metalbands in die großen Fußstapfen der Ambientmetal-Pioniere.

So auch die dänischen Mnemic. Die 1998 gegründete Band hat mit ihrem am 15. Januar 2010 veröffentlichten Album "Sons Of The System" unterstrichen, dass man Meshuggah zum Vorbild haben kann, aber nicht nicht zwangsläufig nachmachen muss. So rucken und zucken die die fünf Musiker eindrucksvoll durch elf abwechslungsreich gestrickte Titel. Es wechselt sich der über die pumpenden Gitarrenteppiche spannende Gesang Tony Jelenovichs mit brutalen Rhythmen ab. 

Pop trifft auf Metal.  Mnemic verstehen es, trotz vieler eingängiger Harmonien immer noch hart zu klingen. So besitzen die einzelnen Tracks alle ein episches Gewand aus Keyboardklängen, rumpelnden und messerscharfen Gitarrenriffs und schlängelnden Bassläufen.  Vor allem im Stück "March Of The Tripods" klingt Jelenovich mit seiner klaren Stimme besonders melancholisch, sehnsüchtig und eindringlich. Die Instrumentalsektion schafft hier stimmungsvolle Klangräume und untermalt mit futuristisch klingenden Taktgerüsten dramatisierend schillernde Effekte. Alles sitzt passgenau und maßgeschneidert.

"Sons Of The System" stellt jedem Zweifler vor die Wahl. Entweder zu akzeptieren, dass emotionale Eingängigkeit und durchdachter, intelligent gestrickter Metal besser zusammen passen als bisher angenommen. Oder man lässt es bleiben. Fans von Meshuggah, Fear Factory, Hacride und anderen Cyborg-Metallern ist "Sons Of The System" die willkommene Ergänzung. Dann verkürzen sich die Tage und Wochen zum nächsten Auftritt um so schöner.

Mnemic, Sons Of The System, bereits erschienen

Label: Nuclear Blast

Tracklist:


  1. "Sons of the System" - 5:35
  2. "Diesel Uterus" - 4:31
  3. "Mnightmare" - 4:55
  4. "The Erasing" - 4:07
  5. "Climbing Towards Stars" - 4:41
  6. "March of the Tripods" - 6:53
  7. "Fate" - 3:35
  8. "Hero(in)" - 5:15
  9. "Elongated Sporadic Bursts" - 3:51
  10. "Within" - 4:45
  11. "Orbiting" - 4:42
Mehr Infos unter Mnemic Official

Donnerstag, 4. Februar 2010

Pure Beklemmung: The Red Chord lassen Zähne fliegen

Am Beispiel von The Red Chord lässt sich gut demonstrieren, wie sinnlos Kategorisierungen sind. Die einen nennen es Deathcore, die anderen Brutal Death Metal. Eigentlich haben wir es mit den Jungs aus Massachusetts mit detailverliebten  Technik-Freaks zu tun. Sie tun nichts lieber als ihre Zuhörer zu verwirren und auf rasante Achterbahnfahrten in die Abgründe der menschlichen Gedankenwelt zu nehmen.

Man staunt wie Alice im Wunderland, was hier überall zu finden ist. Schleppende Monsterriffs erheben sich über die peitschende Gischt der aberwitzig schnell gespielten Soli. Dann donnert der vertrackte D-Zug in die verzwickten Labyrinthe, eckt und hakt schnell um die Ecke, stoppt jäh und braust von 0 auf 100 in einer Sekunde wieder los. Mit einem beeindruckendem Tempo poltern die Schlagzeugtrommeln den brachialen Takt eines verrückt gewordenen Geisterfahrers, wenn er zu viel Kaffee mit Red Bull getankt und noch eine Dosis Adrenalin genommen hat. Dazwischen stöhnen und grunzen abgrundtief böse klingende Dämenonenstimmen die Endzeit näher. Dazwischen brummt ein verhaltender Bass, dann schwebt ein Solo auf, das eher an Iron Maiden erinnert als an hyperschnell flackernde Kugelblitze. Schwindeliges Leiern wechselt sich mit brüllendem Hämmern in der Schädeldecke ab. 

The Red Chord haben mit "Fed Through The Teeth Machine" ein abermals unerreichtes Album eingespielt. Es trägt den Jazz ebenso in sich wie die Frage, ob hier auf 12 Tönen gerockt wird und das Experiment, wie viel Noten pro Minute ein Mensch verträgt. Das im Oktober 2009 über Metal Blade erschienene Album ist das vierte der vier Musiker um Brad Fickeisen, die inzwischen Knoten in den Fingern haben dürften. In der knappen halben Stunde packen sie soviel Musik, die andere Gruppen wohl in drei Alben verwursten würden. Es ist wie es ist: ein Album für Freaks, Nerds, Loner und Loser. Aber dadurch wird es so besonders. Tanzen kann man dazu nicht, rocken und auch nicht, Sex strahlt es auch nicht aus. Was soll man anderes meinen, als dass "Fed Through The Teeth Machine" der absolute Hirnfick ist. Genau richtig für abgedrehte Doktoranden, Akademiker, Computerverrückte und andere Kaputte. Willkommen im Club.

"Fed Through The Teeth Machine" ist im Oktober 2009 über Metal Blade erschienen.
Spielzeit: 35:22 Minuten

Tracklist:

1."Demoralizer"  2:32
2."Hour of Rats"  2:40
3."Hymns and Crippled Anthems"  2:55
4."Embarrassment Legacy"  3:00
5."Tales of Martyrs and Disappearing Acts"  2:09
6."Floating Through the Vein"  3:15
7."Ingest the Ash"  2:39
8."One Robot to Another"  2:17
9."Mouthful of Precious Stones4:21
10."The Ugliest Truth"  2:42
11."Face Area Solution"  2:01
12."Sleepless Nights in the Compound"  4:51