Sonntag, 27. Dezember 2009

Moritzbastei: Phillip Boa & The Voodooclub wärmen Veranstaltungstonne auf

Er gehört mit seiner Band zu den letzten Einhörnern des Independent-Rocks. Phillip Boa & The Voodooclub gastiert seit Jahren zu Weihnachten in der Leipziger Moritzbastei. Dieses Ereignis ist schon Tradition im alten Gemäuer. Aber im Gegensatz zu vielen Künstlern, die mit der MB altern, zeigt sich Boa mit seiner Band frisch wie vor 25 Jahren, als der Voodooclub gegründet wurde.


Am 25., 26. und 27. Dezember gab der Voodooclub um Sänger und Komponist Phillip Boa und Sängerin Pia Lund sein neuestes Werk „Diamonds Fall“ zum Besten. Aber auch alte Hits wie „Container Love“, „Kill Your Ideals“ und „Then She Kissed Her“ kommen an diesen Abenden nicht zu kurz.



Einen entspannten Einstieg findet der Abend, dass niemand am Einlass Schlange steht, gemütlich kühle Schwarze und Blonde gezischt werden, während man ein wenig am Verkaufsstand nach dem neuesten Album „Malta Tapes Vol. 1“ stöbert. Oder man speist an den langen Holztischen am Verbindungsschlauch zwischen Rats- und Veranstaltungstonne. Langsam startet auch der rockige Eröffner „Eher Uncool“. So heißt die frische Gruppe, die Leipzig mit melancholischen, neblig-rauchigen Indie-Rock verzaubert. Ihre nachdenkliche Mischung aus Blumfeld und Joy Division kommt bei den Leipzigern gut an. Sanft wird applaudiert, neugierig beäugt und beschnuppert. Warum „Eher uncool“? Der Name ist doch „cool“ gewählt!



Die deutschsprachig singende Truppe ist eine feine Wahl für heute Abend. Die Band eröffnete mit ihrem zitternd fragilen Gitarrenpop schon 2006 für Boa. Zumal Sänger Alexander noch am Ende der halbstündigen Show seine verträumte Liebe über Leipzigs „Großstadtmeile“ Karl-Liebknecht-Straße auspackt und nun endlich für Zustimmung und Kopfnicken beim zögerlichen Publikum sorgt. Hier wird wohl so mancher neuer Zuhörer gewonnen. Am Abend zuvor spielten die Leipziger Rocker „Cox And The Riot“, die nach Hörensagen gehörig abgeräumt haben sollen. Wenn die Band so weiter macht, kann sie bald Leipzig größter Export nach „Disillusion“ werden, munkelt man.


Bald wird es voll am Tresen und auch in der kühlen Veranstaltungstonne. Das verwitterte Gemäuer wärmt sich bald auf, als immer mehr Menschen in sie hinein strömen. Dicht an dicht stehen die Reihen als das Licht aufblendet und der Voodooclub mit Sonnenbrillen mit „Lord Have Mercy With The 1-Eyed“ vom neuen Album „Diamonds Fall“ einsteigt. Aufbrausender Jubel bei den Fans, die nach diesem Lied schon herumspringen und kuschelnd rempeln.



Pogen bei Boa? Das ist möglich, wenn der gut aufgelegte Sänger mit farbig unterfütterten Stücken wie „Eugene“ und „All I Hate Is You“ los legt. Über zwei Stunden genießen Boa und Sängerin Pia Lund bei der bunt gesprenkelten Lichtshow ihren Best-Of-Auftritt und kommen für drei Zugaben zurück auf die Bühne. „This Is Michael“ gehört ebenso zu den vom Publikum mitgesungenen Liedern wie „Container Love“. Am Ende klatschen die Menschen mit „Pia! Pia!“-Rufen die blonde Sängerin zurück in den Saal. Dann haucht sie zum Abschied den ewigen Hit „And Then She Kissed Her“, der von jedem in der Tonne mit gesungen wird und für Gänsehautstimmung sorgt. Auch die neuen Liedperlen wie „Diamonds Fall“, „“Valerian“ und „Jane Wyman“ werden ausgiebig gefeiert. Zum Schluss kommt der Maestro noch einmal auf die Bühne und verabschiedet glücklich die ersten Reihen mit Händeschütteln und einem Lächeln auf den Lippen. Boa kommt wieder. Das ist sicher.


So brechen die Anwesenden mit guten Erinnerungen an ein überragendes Konzert auf, das die gesamte Breite des musikalischen Schaffens des Voodooclubs absteckt und zudem mit dem Verkauf der „Malta Tapes“ noch einen Mehrwert mit gibt. Manche von ihnen verirren sich in der benachbarten Ratstonne, wo DJ KillaSeppel bei der Heavy Metal Nix Im Scheddel-Party den einen oder anderen Indie-Rocker zu den dumpfen Klängen von Sepultura tanzen lässt.


Mehr Infos:


http://www.phillipboa.com/


http://www.youtube.com/user/pboa


http://www.myspace.com/phillipboaandthevoodooclub

Samstag, 26. Dezember 2009

Kein Pantoffelkino: Heaven Shall Burn lassen in Leipzig die Massen kreisen

Es ist anfangs nur ein Schuh, dann kommt ein weiterer hinzu. Beide werden über die Köpfe der kreisenden Masse beim Auftritt von Heaven Shall Burn gehalten. Der Bewegungsdrang bei der thüringischen Metalcore-Gruppe ist sichtlich enorm. Ruppige Rempeleien wechseln mit Bierduschen ab. Man feiert Weihnachten im Werk II.


Das ist aber nicht immer so an diesem ersten Weihnachtsfeierabend. Die sogar aus Hessen angereisten Fans warten schon seit 16 Uhr aufgeregt auf dem kalten Pflaster des Werk II-Geländes. Aber erst gegen halb sieben beginnt der Einlass zum Weihnachtskonzert der besonderen Art. Denn die Proben ziehen sich hin. Zuletzt stehen „Deadlock“ auf der Bühne und haben den „Soundcheck“ gemacht.



Kurz nachdem sie ihre Instrumente ausschalten, öffnet sich die hölzerne Tür zum „Darkness Over-X-Mas“. Die Massen strömen Karten wedelnd in die große Halle A. In diesem Jahr geben sich fast ausschließlich so genannte Metalcore-Gruppen die Klinke in die Hand. Die großen Namen der deutschen Metalcore-Szene sind hier zu sehen: Heaven Shall Burn, Neaera und Deadlock. Zum Leidwesen vieler treten heute die ebenfalls aus Deutschland stammenden Szenelieblinge Caliban nicht auf. Die schauen sich die Show der anderen Gruppen Backstage an und werden am zweiten Weihnachtsfeiertag in Hamburg auftreten. Die Gruppe wechselt sich mit den Münsteranern von Neaera ab.


Zwei Gruppen schlagen aus der Art: Die progressiven und melodiösen Death Metaller Dark Tranquillity aus Schweden und die Bühnenpiraten aus den USA – Swashbuckle.



Die einzelnen Auftritte werden mit gemischten Gefühlen aufgenommen. So erklären Deadlock später im Interview, dass sie nur diese kurze Spielzeit von fünf Songs haben, weil ihre Freunde von Heaven Shall Burn und Caliban sie gerne mit dabei haben wollen. Dafür sorgen die sechs Veganer um die hübsche Sängerin Sabine Weniger und ihrem tief grunzenden Kompagnon Johannes Prem mit ihrem Hit „The Brave / Agony Applause“ vom letzten Album „Manifesto“ für Begeisterung. Der poppige Zauber war aber nach fünf Liedern schon vorbei, aber an den erhobenen Händen und dem Jubel kann man ablesen, dass viele Fans die sympathische Gruppe lieben. 2010 ziehen sich die sechs zum Songschreiben für ein neues Album zurück. Es wird sicher nicht überraschungslos für die Fans werden. Soviel kann schon mal gesagt werden.



Nach ihrem Auftritt entern die lustigen Amerikaner von Swashbuckle die Bühne. Im wahrsten Sinne des Wortes holzen sich die Piraten durch ihr überlanges und abwechslungsloses Liedprogramm. So sehen es ein Großteil der Leute, die mit verschränkten Armen, aber dennoch interessiert der krachigen Variante des „Thrash Metal“ lauschen. Und so langweilen sich schnell die bereits rund 800 Anwesenden im vollgepackten Auditorium mit dem Anspruch „schnell, schneller, am schnellsten“. Heute ist wohl das falsche Publikum für die schunkelnden Trinklieder anwesend. Die meisten trinken kein Alkohol, und diejenigen, die es tun, versacken am Tresen bei Jägermeister und Lesen von Lidl-Einkaufszetteln.



Das Eis bricht bei den peitschenden Rhythmen von Neaera. Sie spielen einen Mix aus extremen Hardcore Punk, Death Metal und winzigen Einsprengseln Black Metal. Mittlerweile baumelt schon das riesige Backdrop der Headliner „Heaven Shall Burn“ an der Bühne. Das verspricht schon vieles. Doch die Gäste müssen warten. Inzwischen reißen Neaera das Ruder vom amerikanischen Schlingerkurs zu ihrem Gunsten um, erste Männlein und Weiblein surfen schon auf den Händen des Publikums durch den Saal. Die trampelnde Herde rast einen Kreis vor der Bühne oder rennt wild umherspringend aufeinander zu. Metalcore ist halt kein Pantoffelkino. Erste blutende Schürfwunden sind bei so manchem zu erkennen. Rücksicht sieht anders aus.



Die jungen Leute – zwischen 16 und 20 Lenzen – können bei den stimmungsvollen Schweden von Dark Tranquillity aufatmen. Ärgerlich für manche Fans ist nur, wie gleichgültig die intelligent gestrickte Musik von vielen Anwesenden aufgenommen wird. „Was ist das für eine hässliche Frau, die da vorne singt?“, so das plumpe Understatement so manchen angesichts der blonden Lockenpracht des Sängers Mikael Stanne. Doch hier und da wippen einige mit dem Fuß und öffnen sich für die erzählerische Kraft ihrer schon literarisch wertvollen Texte und den einfallsreichen Kompositionen. Dark Tranquillity erspielen sich Lied für Lied Respekt und bedanken sich zum Abschluss mit einem lautstarken „Leipzig is great“.



Die Anzahl der T-Shirts mit dem Schriftzug des Bandnamens ist inzwischen schier unübersichtlich. Hier sind die meisten nur wegen Heaven Shall Burn gekommen. Nach einer längeren Pause verdunkelt sich das Saallicht wieder, dann geht die japanische Sonne auf. Das Intro „Awoken“ ihres neuen Albums „Iconoclast“ eröffnet den munteren Reigen, der schon bei Neaera begann. Mit einer eindrucksvollen Lichtshow und der weißen Bühnengestaltung mit dem CD-Artwork von Bastian Sobtzick wird der Status von Heaven Shall Burn optisch unterstrichen. Wie ein wirbelnder Derwisch mischt der weiß gekleidete Sänger Marcus Bischoff die Fans auf, fordert sie bei den todesbleiernen Stakkato-Riffs auf, im Kreis zu rennen und gehörig umher zu springen. Nun verdoppelt sich die Anzahl der „Crowdsurfer“ bei aktuellen Liedern wie „Endzeit“ und der Coverversion „Black Tears“ von der schwedischen Death Metal-Band „Edge Of Sanity“. Letzteres wurde als Zugabe gespielt, nachdem einige Anwesende ihre Schuhe verloren und Bierduschen abbekommen haben. Die außer Rand und Band geratenen Fans feiern während des fast anderthalbstündigen Auftritts auch die älteren Hits wie „Counterweight“.


Viertel zwölf war der Zauber vorbei, die verschwitzten und erschöpften Massen strömen mit der wohl schönsten Weihnachtserinnerung in die milde Weihnachtsnacht. An der Straßenbahnhaltestelle am Kreuz wird auch der junge Mann gesichtet, der seine Schuhe beim Kreislaufen verloren hat. Barfüßig und ohne Socken sitzt er auf der kalten Stahlbank und wartet auf die Linie 11, die ihn zum Bahnhof bringen wird. So mancher wird auch an diesem Abend seine Wunden lecken und überlegen, ob manche mit dem Umherspringen übertreiben und mit ihren unkontrollierten Faustschlägen und Fußtritten anderen ein Konzerterlebnis vermiesen.


Fotos von Tine Kersten


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Mittwoch, 23. Dezember 2009

The Chariot: Wars And Rumors Of Wars

The Chariot gehen den unbequemen Weg, für sich und ihre Zuhörer. Und sie sind damit erfolgreich. Irgendwie werden sie für ihre vertrackten Hassbatzen mittlerweile genauso stark wahr genommen, wie ihre  Musik-Mathematik-Kollegen von Dillinger Escape Plan und Converge. Norma Jean haben hingegen einen recht belanglosen Weg eingeschlagen.


"Wars And Rumors Of Wars" ist ein dreißigminütiges Manifest taumelnder Rhythmen voller unbändiger Wut und ungezähmter Brachialität. Scheinbar fast schon von diesen Gefühlen blind, rasen die Amis um den ehemaligen Norma Jean-Sänger Josh Scogin durch ein chaotisches Kaleidoskop der Gewalt und Gefühlskälte. So klingt es jedenfalls. Aber The Chariot ist eine christliche ...Core-Band, wie August Burns Red beispielsweise. Und thematisch geht es dort um andere Geschichten, als nur dumpfer Zorn. Schon der Bandname verweist auf die Bibelzeile von Elias und den Feuerwagen. Also die apokalyptische Beschreibung des Propheten des Wagen Gottes. Und damit ist auch die Kernaussage zur inhaltlichen Ausrichtung von The Chariot getroffen. Das ist es nicht allein. Es geht auch um Themen wie Kapitalismus, Materialismus und um den Tod. Auch persönliche Erfahrungen fließen in die Lyrics ein. So auch auf diesem Album, wo Scogin den Verlust seines Vaters Tod thematisiert. 


Nun zur Kritik: das Album wurde in einer von der Band selbst durchnummerierten, signierten und gestempelten Auflage von 25.000 Stück produziert und gilt mittlerweile als ausverkauft. Die Preise bei Amazon & Co. gehen für den Silberling bereits in schwindelerregende Höhen. Nur über iTunes kann man sich das Album legal noch besorgen. Das war es auch schon. Für eine bekannte Untergrund-Band fast schon ein Hohn. Denn so werden illegale Kopien gerade zu gefördert. 

Overmars: Affliction, Endochrine ... Vertigo

Seit vier Jahren existiert das von Overmars geschriebene Album "Affliction, Endochrine ... Vertigo" mittlerweile. Inzwischen haben die französischen Schlepp-Core - Metaller ein weiteres Album, eine Split und eine EP nachgeschoben. Live sind sie leider nur im französischsprachigen und zu Teilen nur im westdeutschen Raum zu sehen. In den Genuss dieser Band sollte man absolut kommen.



Denn Overmars bieten zumindest bei "Affliction ..." eine schroffe, atmosphärische und dicht gepackte Mischung aus Cult Of Luna, Isis und vielleicht auch Neurosis. Da wabern elektronische flirrende Klangwelten, monoton kreiselnde Akkordfolgen und dumpf brütende Gesänge in das Hörzentrum. Möge die Gleichförmigkeit der ständigen Wiederholung nun endlich seine psychedelische Wirkung entfalten, unter deren Einflüssen die Musik vielleicht entstand. Mitunter schleichen Overmars dermaßen im schmutzigen Mulm, das sie schon die rauen Granitfelsen zum Vorschein schürfen. Neben ihren drei epischen Stücken "This Is Rape", "En Memoire ..." und "From Love To Exhausting ..." streuen Overmars postrockige Interludien ein, die sich mit tiefgründigen fünfminütigen Umwuchtungen abwechseln.


Bislang unentdeckt in deutschen Landen, ist Overmars aus Frankreich eine ernstzunehmende Band, die leider zu Unrecht im Schatten von Cult Of Luna, Isis & Co. steht. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie hier noch nicht so oft aufgetreten sind. 

Dienstag, 22. Dezember 2009

Musikalischer Farbfilm: Dioramic proggen in Technicolor

Manche Menschen haben sicher vergessen, dass Musik das Farbempfinden fördert. Klänge und Töne können viele Gefühle hervor kitzeln und uns auf eine innere Reise mitnehmen. Seit sieben Jahren versuchen drei junge Herren aus Kaiserslautern, Achterbahnfahrten zu vertonen. Dioramic heißt die 2002 gegründete metallische Hardcore Punk-Büffetplatte.



Mit "Technicolor" tauchen Arkardi Zaslavski (Gesang/Gitarre), Jochen Müller (Gesang/Bass) und Anton Zaslavski (Schlagzeug) in die verschachtelten Erzählungen ihrer von Licht und Schatten durchdrungenen Epen. In fünfzig Minuten scharwenzeln Dioramic mal sacht mal aggressiv um den Hörer. Das Trio legt ihm eine einfühlsame Instrumentalarbeit auf den Teller, übergießt das dann mit einer wütend kochenden Pfeffer-Chili-Soße, bis grob geschnittene Gemüsewürfel bunt auf die Sinne des Betrachters purzeln. Da erheben sich zornige Metalcore-Protze, es buhlen knarzige Postrock-Stimmen poppig um des Hörers Gunst und dann verdrehen sie ihm den Hals, bis der Letzte vor Staunen mit seinen aus den Höhlen purzelnden Augäpfeln zu kämpfen hat. Hier hat die taufrische Gruppe etwas ganz eigenes gebacken. Denn trotz der unglaublichen Vertracktheit jedes einzelnen Songs, verstehen es die drei ihre Geschichten mit rotem Faden zu erzählen. Sie finden immer wieder zurück auf den breiten Pfaden der eingängigen Tugenden, die Refrain oder mal Strophe heißen. Harmonien wechseln sich mit breitwandigen Riffs ab, weit ausladende Hymnen mit abrupten Brüchen und Schlüssen.


"Technicolor" ist ein beeindruckendes Debüt, das sich angenehm vom Metalcore-Wust abhebt und Hoffnung auf noch glanzvollere Weiterentwicklungen macht. "Technicolor" ist ein sattes Album, das für jeden, der die kanadischen Prog_Core-Helden von Protest The Hero mag, wie Lust auf die erzählerische Eleganz von Mastodon hat.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Metallica: Death Magnetic

Back To The Eightees heißt das Motto der bahnbrechenden Metalband Metallica. Auch wenn Unken die Band in den Neunzigern zu Grabe getragen haben wollen, so schaffen sie es spätestens mit "Death Magnetic" aus eben jenen wieder aufzuerstehen. 



Da blitzen die scharfriffigen Gitarren und die Shouts von "Ride The Lightning" auf, dann wieder die rockig rührenden Rhythmen der "Load" und "Reload"-Phase sowie einige leicht vertrackt epische Teile, die wir aus "... And Justice For All" kennen. Alles nur Augenwischerei, Flickschusterei? Äußeres und Inneres von "Death Magnetic" besinnen sich auf das Herz und das Imgae der wohl erfolgreichsten Metalband weltweit. Oder zumindest die bekannteste. Und das meistern sie mit Bravour. Das von Rick Rubin produzierte Album beweist zwar allen Rückgriffs, dass man mit der Band immer noch rechnen muss. All die Ausflüge bis gestern wurden über Bord geworfen, die Band scheint wieder zu ihrem Kern gefunden zu haben. 


Metallica haben mit diesem Album erkannt, dass es wohl besser ist, so zu bleiben wie man ist. Das passt auch zur konservativen Attitüde zu Metal, die Drummer Lars Ulrich immer aufzubrechen versuchte. Hier regiert die alte und auch wohlgeschliffene Metal-Axt. Ohne Rost und Staub. Metal Up Your Ass!

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Isis: Wavering Radiant


Wabernde Klangfluten, stürmische Bassläufe und aufgebrochene Songs auf das zähflüssigste und atmosphärischste intonieren "Isis" in ihrem letzten Album "Wavering Radiant". Das haben sie schon seit jeher gemacht, aber nicht so ausgereift und so schwer zugänglich, wie auf diesem Meisterwerk. Metal geht auch ohne Klischee, man kann diese Musik doch noch vorwärts bringen.

Viele Metalfans betreiben Eskapismus der besonderen Art. Sie wünschen sich in selige Zeiten zurück, die sie vielleicht nie erlebt haben. Zeiten, wo Metal noch wie "Slayer", "Judas Priest" und "Iron Maiden" klang. Man geht auf Konzerte von "Kiss", sucht Gruppen, die genauso "wie früher" klingen und günstiger im Eintrittspreis zu haben sind. Oder Metalfans treffen sich auf fast schon überflüssige Sommer-Festivals, wo sowieso nur dieselben Gruppen spielen, die im darauf folgenden Herbst die Clubs beackern und wo niemand mehr hingeht. Feiern lustlos zusammen gezimmerte Alben, als gäbe es nichts schöneres. Nur wehe, man stört diese heile Welt.

Dass der Metal-Underground eigentlich tobt und wütet, sich die Musik immer durchdachter präsentiert und sich auch vermehrt Stilen öffnet, die eher als ernsthaft einzuordnen sind, wissen die wenigsten. So tragen "Isis" mit "Wavering Radiant" zur neuen Stoßrichtung bei, die sich vielgestaltiger präsentiert als alleine nur Metal es je vermag. Merkmal von "Isis" waren immer schon wuchtige Kompositionen, die mit stimmungsvollen Auflockerungen Abgründe und auch Horizonte öffnen, je nachdem wie heftig der Härtepegel ausschlägt.

Es sind immer noch die weit ausladenden Stücke von "Isis" da. Vielmehr ist die flirrende, grollende und ätherische Wirkung ihrer Songs noch größer und noch breitwandiger als früher. Das hat "Isis" schon immer charakterisiert: An eigene Grenzen stoßen, sie überfliegen um dann den Hörer im Humus wühlen zu lassen. Kartenhäuser brechen ein, Abgründe tun sich auf. Ihre Alben setzen wie bei einer Gemäldereihe eine Weiterentwicklung auch beim Zuhörer voraus. Aber auch Vorstellungsvermögen, die eigenen Gedanken kreisen und treiben zu lassen. Die manchmal krachig-taumelnden Lieder können innerhalb von wenigen Minuten die Stimmungen wechseln, sind meist aber von einer steinernen Melancholie gefärbt.

Die epischen "Hand Of The Host" und "Threshold Of Transformation" erzählen mit ihrer Mischung aus New Wave-Echo und brummigen Doom Metal von Sehnsüchten und Enttäuschungen. Kontrollverluste werden ausgebrüllt, dann wieder sanft und klar erzählt. Von Selbstlüge ist die Rede, wenn der pulsierende Bass im Hintergrund ein Echolot ausstrahlt. Persönliche Ansichten vom Scheitern und Schmerzen sind im stählernen Mantel der Gefühlskälte gehüllt. Frostige Traum-Entwürfe sind mit warmen Gitarrenläufen unterfüttert. Trotzdem fühlt das Album den Hörer gerade durch seine anfängliche Distanziertheit um so stärker auf den Zahn und schleicht sich ergreifend schön immer tiefer in dessen Gedankenwelt, beeinflusst sie, lässt reflektieren, bringt einen dazu, immer mehr mit eigenen Personen und Geschichten auseinandersetzen. Etwas, dass sonst als so typisch angesehene Metalsongs "The Number Of The Beast" (Iron Maiden), "Screaming For Vengeance" (Judas Priest) und dergleichen nicht vermögen. Sie wälzen sich immer noch im Mehl der Augenwischerei und im Staub der eigenen Geschichte.