Mittwoch, 23. Dezember 2009

The Chariot: Wars And Rumors Of Wars

The Chariot gehen den unbequemen Weg, für sich und ihre Zuhörer. Und sie sind damit erfolgreich. Irgendwie werden sie für ihre vertrackten Hassbatzen mittlerweile genauso stark wahr genommen, wie ihre  Musik-Mathematik-Kollegen von Dillinger Escape Plan und Converge. Norma Jean haben hingegen einen recht belanglosen Weg eingeschlagen.


"Wars And Rumors Of Wars" ist ein dreißigminütiges Manifest taumelnder Rhythmen voller unbändiger Wut und ungezähmter Brachialität. Scheinbar fast schon von diesen Gefühlen blind, rasen die Amis um den ehemaligen Norma Jean-Sänger Josh Scogin durch ein chaotisches Kaleidoskop der Gewalt und Gefühlskälte. So klingt es jedenfalls. Aber The Chariot ist eine christliche ...Core-Band, wie August Burns Red beispielsweise. Und thematisch geht es dort um andere Geschichten, als nur dumpfer Zorn. Schon der Bandname verweist auf die Bibelzeile von Elias und den Feuerwagen. Also die apokalyptische Beschreibung des Propheten des Wagen Gottes. Und damit ist auch die Kernaussage zur inhaltlichen Ausrichtung von The Chariot getroffen. Das ist es nicht allein. Es geht auch um Themen wie Kapitalismus, Materialismus und um den Tod. Auch persönliche Erfahrungen fließen in die Lyrics ein. So auch auf diesem Album, wo Scogin den Verlust seines Vaters Tod thematisiert. 


Nun zur Kritik: das Album wurde in einer von der Band selbst durchnummerierten, signierten und gestempelten Auflage von 25.000 Stück produziert und gilt mittlerweile als ausverkauft. Die Preise bei Amazon & Co. gehen für den Silberling bereits in schwindelerregende Höhen. Nur über iTunes kann man sich das Album legal noch besorgen. Das war es auch schon. Für eine bekannte Untergrund-Band fast schon ein Hohn. Denn so werden illegale Kopien gerade zu gefördert. 

Overmars: Affliction, Endochrine ... Vertigo

Seit vier Jahren existiert das von Overmars geschriebene Album "Affliction, Endochrine ... Vertigo" mittlerweile. Inzwischen haben die französischen Schlepp-Core - Metaller ein weiteres Album, eine Split und eine EP nachgeschoben. Live sind sie leider nur im französischsprachigen und zu Teilen nur im westdeutschen Raum zu sehen. In den Genuss dieser Band sollte man absolut kommen.



Denn Overmars bieten zumindest bei "Affliction ..." eine schroffe, atmosphärische und dicht gepackte Mischung aus Cult Of Luna, Isis und vielleicht auch Neurosis. Da wabern elektronische flirrende Klangwelten, monoton kreiselnde Akkordfolgen und dumpf brütende Gesänge in das Hörzentrum. Möge die Gleichförmigkeit der ständigen Wiederholung nun endlich seine psychedelische Wirkung entfalten, unter deren Einflüssen die Musik vielleicht entstand. Mitunter schleichen Overmars dermaßen im schmutzigen Mulm, das sie schon die rauen Granitfelsen zum Vorschein schürfen. Neben ihren drei epischen Stücken "This Is Rape", "En Memoire ..." und "From Love To Exhausting ..." streuen Overmars postrockige Interludien ein, die sich mit tiefgründigen fünfminütigen Umwuchtungen abwechseln.


Bislang unentdeckt in deutschen Landen, ist Overmars aus Frankreich eine ernstzunehmende Band, die leider zu Unrecht im Schatten von Cult Of Luna, Isis & Co. steht. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie hier noch nicht so oft aufgetreten sind. 

Dienstag, 22. Dezember 2009

Musikalischer Farbfilm: Dioramic proggen in Technicolor

Manche Menschen haben sicher vergessen, dass Musik das Farbempfinden fördert. Klänge und Töne können viele Gefühle hervor kitzeln und uns auf eine innere Reise mitnehmen. Seit sieben Jahren versuchen drei junge Herren aus Kaiserslautern, Achterbahnfahrten zu vertonen. Dioramic heißt die 2002 gegründete metallische Hardcore Punk-Büffetplatte.



Mit "Technicolor" tauchen Arkardi Zaslavski (Gesang/Gitarre), Jochen Müller (Gesang/Bass) und Anton Zaslavski (Schlagzeug) in die verschachtelten Erzählungen ihrer von Licht und Schatten durchdrungenen Epen. In fünfzig Minuten scharwenzeln Dioramic mal sacht mal aggressiv um den Hörer. Das Trio legt ihm eine einfühlsame Instrumentalarbeit auf den Teller, übergießt das dann mit einer wütend kochenden Pfeffer-Chili-Soße, bis grob geschnittene Gemüsewürfel bunt auf die Sinne des Betrachters purzeln. Da erheben sich zornige Metalcore-Protze, es buhlen knarzige Postrock-Stimmen poppig um des Hörers Gunst und dann verdrehen sie ihm den Hals, bis der Letzte vor Staunen mit seinen aus den Höhlen purzelnden Augäpfeln zu kämpfen hat. Hier hat die taufrische Gruppe etwas ganz eigenes gebacken. Denn trotz der unglaublichen Vertracktheit jedes einzelnen Songs, verstehen es die drei ihre Geschichten mit rotem Faden zu erzählen. Sie finden immer wieder zurück auf den breiten Pfaden der eingängigen Tugenden, die Refrain oder mal Strophe heißen. Harmonien wechseln sich mit breitwandigen Riffs ab, weit ausladende Hymnen mit abrupten Brüchen und Schlüssen.


"Technicolor" ist ein beeindruckendes Debüt, das sich angenehm vom Metalcore-Wust abhebt und Hoffnung auf noch glanzvollere Weiterentwicklungen macht. "Technicolor" ist ein sattes Album, das für jeden, der die kanadischen Prog_Core-Helden von Protest The Hero mag, wie Lust auf die erzählerische Eleganz von Mastodon hat.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Metallica: Death Magnetic

Back To The Eightees heißt das Motto der bahnbrechenden Metalband Metallica. Auch wenn Unken die Band in den Neunzigern zu Grabe getragen haben wollen, so schaffen sie es spätestens mit "Death Magnetic" aus eben jenen wieder aufzuerstehen. 



Da blitzen die scharfriffigen Gitarren und die Shouts von "Ride The Lightning" auf, dann wieder die rockig rührenden Rhythmen der "Load" und "Reload"-Phase sowie einige leicht vertrackt epische Teile, die wir aus "... And Justice For All" kennen. Alles nur Augenwischerei, Flickschusterei? Äußeres und Inneres von "Death Magnetic" besinnen sich auf das Herz und das Imgae der wohl erfolgreichsten Metalband weltweit. Oder zumindest die bekannteste. Und das meistern sie mit Bravour. Das von Rick Rubin produzierte Album beweist zwar allen Rückgriffs, dass man mit der Band immer noch rechnen muss. All die Ausflüge bis gestern wurden über Bord geworfen, die Band scheint wieder zu ihrem Kern gefunden zu haben. 


Metallica haben mit diesem Album erkannt, dass es wohl besser ist, so zu bleiben wie man ist. Das passt auch zur konservativen Attitüde zu Metal, die Drummer Lars Ulrich immer aufzubrechen versuchte. Hier regiert die alte und auch wohlgeschliffene Metal-Axt. Ohne Rost und Staub. Metal Up Your Ass!

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Isis: Wavering Radiant


Wabernde Klangfluten, stürmische Bassläufe und aufgebrochene Songs auf das zähflüssigste und atmosphärischste intonieren "Isis" in ihrem letzten Album "Wavering Radiant". Das haben sie schon seit jeher gemacht, aber nicht so ausgereift und so schwer zugänglich, wie auf diesem Meisterwerk. Metal geht auch ohne Klischee, man kann diese Musik doch noch vorwärts bringen.

Viele Metalfans betreiben Eskapismus der besonderen Art. Sie wünschen sich in selige Zeiten zurück, die sie vielleicht nie erlebt haben. Zeiten, wo Metal noch wie "Slayer", "Judas Priest" und "Iron Maiden" klang. Man geht auf Konzerte von "Kiss", sucht Gruppen, die genauso "wie früher" klingen und günstiger im Eintrittspreis zu haben sind. Oder Metalfans treffen sich auf fast schon überflüssige Sommer-Festivals, wo sowieso nur dieselben Gruppen spielen, die im darauf folgenden Herbst die Clubs beackern und wo niemand mehr hingeht. Feiern lustlos zusammen gezimmerte Alben, als gäbe es nichts schöneres. Nur wehe, man stört diese heile Welt.

Dass der Metal-Underground eigentlich tobt und wütet, sich die Musik immer durchdachter präsentiert und sich auch vermehrt Stilen öffnet, die eher als ernsthaft einzuordnen sind, wissen die wenigsten. So tragen "Isis" mit "Wavering Radiant" zur neuen Stoßrichtung bei, die sich vielgestaltiger präsentiert als alleine nur Metal es je vermag. Merkmal von "Isis" waren immer schon wuchtige Kompositionen, die mit stimmungsvollen Auflockerungen Abgründe und auch Horizonte öffnen, je nachdem wie heftig der Härtepegel ausschlägt.

Es sind immer noch die weit ausladenden Stücke von "Isis" da. Vielmehr ist die flirrende, grollende und ätherische Wirkung ihrer Songs noch größer und noch breitwandiger als früher. Das hat "Isis" schon immer charakterisiert: An eigene Grenzen stoßen, sie überfliegen um dann den Hörer im Humus wühlen zu lassen. Kartenhäuser brechen ein, Abgründe tun sich auf. Ihre Alben setzen wie bei einer Gemäldereihe eine Weiterentwicklung auch beim Zuhörer voraus. Aber auch Vorstellungsvermögen, die eigenen Gedanken kreisen und treiben zu lassen. Die manchmal krachig-taumelnden Lieder können innerhalb von wenigen Minuten die Stimmungen wechseln, sind meist aber von einer steinernen Melancholie gefärbt.

Die epischen "Hand Of The Host" und "Threshold Of Transformation" erzählen mit ihrer Mischung aus New Wave-Echo und brummigen Doom Metal von Sehnsüchten und Enttäuschungen. Kontrollverluste werden ausgebrüllt, dann wieder sanft und klar erzählt. Von Selbstlüge ist die Rede, wenn der pulsierende Bass im Hintergrund ein Echolot ausstrahlt. Persönliche Ansichten vom Scheitern und Schmerzen sind im stählernen Mantel der Gefühlskälte gehüllt. Frostige Traum-Entwürfe sind mit warmen Gitarrenläufen unterfüttert. Trotzdem fühlt das Album den Hörer gerade durch seine anfängliche Distanziertheit um so stärker auf den Zahn und schleicht sich ergreifend schön immer tiefer in dessen Gedankenwelt, beeinflusst sie, lässt reflektieren, bringt einen dazu, immer mehr mit eigenen Personen und Geschichten auseinandersetzen. Etwas, dass sonst als so typisch angesehene Metalsongs "The Number Of The Beast" (Iron Maiden), "Screaming For Vengeance" (Judas Priest) und dergleichen nicht vermögen. Sie wälzen sich immer noch im Mehl der Augenwischerei und im Staub der eigenen Geschichte.

Samstag, 28. November 2009

Flagge gezeigt: Mit Iron Maiden in die Wende gerutscht

Es war meine letzte Reise in ein Kinderferienlager. Damit begann alles. In der damaligen Tschechoslowakei entdeckte ich 1989 die Liebe, den Rausch und Heavy Metal. Letzteres lernte ich durch vielerlei Umstände kennen. Da waren Funktionäre, Freunde und Feindbilder, die meinen Weg kreuzten.


Natürlich kann ich nicht mehr wiedergeben, wie alle Protagonisten von damals heißen. Auch der Ort verschwimmt in meinem inneren Auge zu einer namenlosen Anhöhe in einem böhmischen Gebirgsmassiv, das nur wenige Fahrtstunden von der Schneekoppe entfernt liegt. Dort in dem von einem Kiefernforst umrahmten Anstieg befanden sich hölzerne Bungalows und im Tal ein Gemeinschaftshaus, wo wir Kinder und Jugendliche zur Disco gingen und unsere Mahlzeiten einnahmen. Damals war ich gerade 14 Jahre alt. Mitten in der Pubertät und auf der Suche nach etwas eigenem. Und einem Mädchen.


Heavy Metal war da nur zweitrangig. Ich malte und male heute immer noch gerne. Damals waren es die Konterfeibilder vom Iron Maiden-Maskottchen „Eddie“. Weil ich schon eine gewisse Zeit Übung besaß, ihn möglichst originalgetreu nachzuzeichnen, bekam ich auch den Spitznamen „Eddie“ zugeschrieben. So stellte ich mich auch neuen Kumpels vor. Auch wenn ich nur wenig von dieser Musik gehört hatte und damals Queen oder Bon Jovi das härteste meiner Empfindung nach war, identifizierte ich mich mit Heavy Metal. Warum? Viele der im Ferienlager anwesenden Jugendlichen mochten diese Musik, bewunderten meine Fähigkeit das Maiden-Monster zeichnen zu können. Nun waren es die Kumpels im Lager, die mir die Klänge von AC/DC und Slayer nahe brachten und zeigten wie man wie Angus Young auf den Schultern seines Kumpels reitet. „Das beeindruckt die Mädels“, steckte mir der jüngere Fan aus Aue, der der größte AC/DC – Fan aller Zeiten war und am coolsten abhotten konnte.


Eines Tages war es soweit. Wir gingen mit unserer Gruppe in ein Nachbardorf und separierten uns von den anderen. Mir kam das alles abenteuerlich vor. Letztlich war ich auch neugierig und fand das aufregend. Wir standen vor dem Plattengeschäft im verschlafenen Dorfzentrum, den Kopf voll mit Federweißer, den wir vorher getrunken hatten. In der Verkaufsauslage sah ich das damals noch aktuelle AC/DC-Album „Blow Up Your Video“. Dort sprang Angus Young aus dem Fernseher und machte klar, dass TV kein Rock'n'Roll ist. Wir stehen da so eine Weile herum, als ein vollbärtiger und langhaariger Mann auf uns zu kam und uns auf englisch, tschechisch und deutsch ansprach. Wir sollten mit zu ihn nach Hause kommen, da würden uns echte Schätze erwarten. Wir waren verunsichert und unsere Bedenken waren schnell ausgeräumt. Waren wir doch fünf oder sechs Leute, während er nur einer war.


In seinem Wohnzimmer lagen auf dem sonnenbeschienenen Tisch jede Menge Alben ausgebreitet. Darunter auch ein Album von Madonna. Dort befand sich auch eins von Helloween, jener deutschen Metal-Band, die seit 1987 große Erfolge feierte und justament „Keeper Of The Seven Keys Part II“ veröffentlichte. Der freundliche Kerl hatte aber den ersten Teil angeboten und fragte uns, ob wir es kaufen würden. Jemand schnappte sich das Album so flink, dass ich mich ärgerte es nicht abbekommen zu haben. Doch dann sah ich es golden blitzen und zum Vorschein kam „Eine kleine Nachtmusik“ von der britischen New Wave Of British Heavy Metal-Legende Venom. Polnische Pressung, schwer, golden und nahezu original zu dem, was jenseits des eisernen Vorhangs verkauft wurde. Eine echte Rarität, wie es sich später heraus stellen sollte. Ich zog das Album zu mir, klappte das Gatefold auf und sah die coolsten Typen der damaligen Metal-Welt. Zumindest war der langhaarige Mann mit Zylinder und Zigarre krass genug um dem Tschechen zu sagen: „Ja, ich nehme es. Wie viel?“ Ich hatte keine Vorstellung von dem, was mich erwarten würde und verwahrte das Doppelalbum bis zu meiner Ankunft in Leipzig auf. Indessen hörten wir AC/DC bei den Discos und Queen.
Bei diesen Gruppen lernte ich, wie man Luftgitarre spielt, headbangt und herum post. Natürlich macht man das nur, um Mädchen zu beeindrucken. Weniger beeindruckend war es, nach der Action zu einem Mädchen hin zu gehen und es anzusprechen. Warum? Bei diesem kindischen Ausdauersport im Diskosaal habe ich nach Schweiß gerochen, stand verschwitzt vor einer Gruppe hübscher junger Frauen und holte mir eine Abfuhr. Es muss fürchterlich für sie gewesen sein, als plötzlich ein adoleszenter Jüngling mit rotem Gesicht, röteren Pickeln und verschwitztem halblangen Haar und durchnässtem Shirt vor ihnen stand und unbeholfen stammelt: „W-w-w-willst Du mit mir tanzen?“


Metal äußerte sich während dieses Aufenthaltes auch anders. Nicht nur anerkennend, als ich zu der Venom-Scheibe auch noch die aktuelle AC/DC kaufte. Taschengeld hatte ich genug. Eines Tages fragte mich doch ein Berliner Kumpel, ob ich sein mitgebrachtes Bettlaken mit dem Eddie-Monster von Iron Maiden bemalen könnte und zeigte auf meine Filzstifte und legte noch ein paar dazu. Er besorgte noch ein paar von den Kindern, die das auch irgendwie gut fanden. Oder auch nicht. Der Berliner legte eine aktuelle Bravo auf den kleinen Sprelakart-Tisch, worin Iron Maiden mit eine rgroßen Geschichte angekündigt waren und auch das einfallsreiche Artwork gezeigt wurde. Ich legte los und ahmte das Motiv nach, das Iron Maiden für die damalige Single „Can I Play With Madness“ verwendet hatten. Es zeigt den Kopf von Eddie, dessen Schädelkalotte aufgebrochen war und von unsichtbarer Hand ausgelöffelt wurde und Flammen heraus stiegen. Wie bei einem flambierten Omelett.


Was machen Jungs, wenn sie nichts zu tun haben? Richtig. Unsinn. Die drei weißen Fahnenmasten lockten nahezu, die neue Flagge – das Iron Maiden-Tischtuch – hoch zu hieven. Nur gab es drei Probleme: jeder der drei Masten war besetzt. Dort flatterten die damalige tschechoslowakische Fahne, die Flagge der DDR und die der FDJ.


Wir berieten uns nur kurz und entschieden, dass die FDJ-Flagge runter muss, um die Iron Maiden-Flagge hoch zu leiern. Das taten wir auch. Schnell, schnell. Das darf keiner sehen. Zuvor mussten wir die FDJ-Flagge runterholen. Denn eine der beiden Staatsflaggen runter zu nehmen, wäre fast schon Landesverrat gewesen oder irgendwie kriminell. FDJ eben nicht. Kaum hatten wir die Iron Maiden-Flagge nach oben gebracht, kommt eine FDJ-Delegation angestiefelt. Zu Besuch. Wohin sie des Weges waren? Balaton.


Sie kamen sich rege unterhaltend die Anhöhe hoch, sahen den Frevel und erstarrten. Zugleich kam unser Ferienbetreuer und stellte uns zur Rede. Wir sollten unsere Fahne wieder herunter lassen. Was fiele uns denn ein und überhaupt. Er machte Anstalten, das flatternde Übel herunter zu holen, wobei wir ihn zu hindern versuchten. Ich sprang lachend auf seinen Rücken, versuchte ihn zu kitzeln, während die anderen ihm das bemalte Laken entwenden sollten. Das misslang. Er war einfach zu kräftig und zu wendig für uns Hänflinge. Wir wurden verbal zusammen gestaucht, Rückfahrkarte wurde auch angeboten.


Wir folgten und stapften zu unseren Bungalows, bis wir heraus gerufen werden sollten. Ungefähr eine halbe Stunde später war es dann soweit. Wir mussten zum Versammlungshaus. Dahinter hatte die FDJ-Delegation einen Scheiterhaufen aufgeschichtet und zum brennen gebracht. Über den knisternden Flammen brieten sie lachend auf Stöcken aufgespießte Krakauer. Wir sollten uns auch bedienen und mitmachen. Mein Betreuer meinte, ich solle mir den Haufen genauer anschauen. Und siehe da, am Rand kokelte das Laken, worauf das Eddie-Monster noch zur Hälfte griente. Jetzt verstand ich, warum die FDJler lachten. Wahrscheinlich haben sie von den DDR-Flüchtlingen gehört, wie sie nach Österreich flohen. Und so noch die letzten Züge der DDR genossen, mit realem Sozialismus verkokelten sie die jugendliche Nichtigkeit des voran gegangenen Vorfalls, wie Nazis ein Buch verbrannt hätten.









Montag, 23. November 2009

Geschichte schreiben mit Dante's Dream: Episodes wurde veröffentlicht


Neue Sparten, Nischen in der Musik zu finden ist heutzutage nicht ganz einfach. Entweder man hängt sich an den großen schnaufenden Pop-Zug, der durch jede Stadt mit viel Lärm rauscht. Oder eine junge Band setzt sich an einen geheimen Ort und ersinnt etwas ganz eigenes, das einem niemand weg nehmen kann. Man läuft dann auch Gefahr, für immer und ewig ein Nischendasein zu fristen. Aber die Chance ist genauso groß, entdeckt zu werden.


Letzteres könnte natürlich auch auf „Dante's Dream“ zutreffen. Die Leipziger Eclectic Popper haben unlängst ihr Erstlingswerk „Episodes“ veröffentlicht. Anders als andere Gruppen, springen „Dante's Dream“ nicht auf den kunterbunten Trend und versuchen besonders schrill oder laut zu sein. Plakative Posen wird man bei „Dante“ nicht finden. Stattdessen wogen zwölf feinsinnige und dennoch eingängige Stücke durch die Lautsprecherboxen. Vielschichtig stricken und weben die vier Musiker Geschichten , die jeder erleben könnte. Es ist auch so, dass „Dante“ nicht immer leise tönen, sondern auch dramatisch aufwallen können.


So steigt das Album mit friedlichem Froschquaken ein, suggeriert eben die kleine Nische am Ufer eines Teichs, der still und ruhig in der Abendsonne glänzt. Doch mit zunehmender Laufzeit öffnet sich der anfänglich unbeschwerte Blick in die eigenen Gedanken, die man beim Hören von Liedern wie „Supernova“ und „Episodes“ entwickelt. Bis man im letzten Teil des Albums beim dem Stück „Das edle Herz“ aufblickt und gar nicht mehr den kleinen Teich sieht. Man schaut stattdessen in die aufgewühlte Seele des Albums. Die weit ausladende Geste, die manchmal in den einzelnen Stücken aufblitzt, verschwindet zum wahrhaftigen Ausdruck, zur großen Lyrik. In seiner Zurückhaltung sagt „Episodes“ mehr als nur wetteifernd verzerrte Gitarren und brachial geschrieene Ungerechtigkeiten. Bei „Episodes“ geht es vielmehr um das echte Gefühl, und das, was man fühlen könnte sich aber nie zugetraut hat, auszudrücken. Egal ob die Gitarren braten und die Songs überraschende Wendungen gehen.


Mit „Episodes“ haben „Dante's Dream“ ein Album mit großer erzählerischer Kraft eingespielt. Sowohl musikalisch als auch textlich. Dabei vermeiden die Musiker, dass das Album trotz seiner offenen Zugänglichkeit auf die Schnelle konsumiert werden kann. „Dante's Dream“ gelingt es, trotz mancher lauten Momente von „Episodes“ auch die Stille klingen zu lassen.






„Episodes“ ist limitiert auf 1.000 Exemplare, ist aber als MP3-Download bei iTunes und musicload.de erhältlich. Außerdem ist das Album noch in den Geschäften „Ohrakel“, „Klanggarten“, „PhonoCentrum“ und „Whispers“ erhältlich.


Dante's Dream: Episodes, ersch. Eigenvertrieb 2009, aufgenommen 2009 im Studio „Kick The Flame“, Songtitel: 01. Dante's Theme, 02. Supernova, 03. Episodes, 04. Insane, they say, 05. Give In, 06. Satellite, 07. The Queen And The Jester, 08. Prelude, 09. Elegy, 10. In Th eName Of, 11. Dante's Theme (Reprise), 12. Das edle Herz


Dauer: 48 Minuten